Sonntag, 24. Dezember 2017
Freitag, 22. Dezember 2017
Morbus septemtrionalis
Wenn Weintrinken tatsächlich gesundheitsförderlich war, warf sich die Folgefrage auf, wieviel man trinken solle. Die folgende Diskussion habe ich nur quellenfrei in der Erinnerung; es stand sofort die Unterstellung im Raum, alle Studien seien von der Weinlobby gesponsert, obwohl die vorgeschlagenen Tagesdosen – allein dieses Wort! Man sollte mindestens von Rationen sprechen – nicht eben üppig waren: zwei Gläser für ihn, eines für sie (wie immer wurden die Frauen benachteiligt und Intersexuelle bzw. Transgender gar nicht erst berücksichtigt). Wenn ich mich recht entsinne, war es eine Studie aus der Weinnation Dänemark, welche die Relationen wieder geraderückte (eine Flasche pro Kopf und Tag). Die Amis, auch in ihren Narreteien immer sehr konsequent, haben auf ihre Weise reagiert und sogar Pillen entwickelt, mit denen man sich die positiven Wirkstoffe des Weins konzentriert und frei vom Zellgift Alkohol verabfolgen kann. Polyphenole, oligomere Proanthocyanidine und vor allem Resveratrol. Was für eine prosaische Vorstellung: Ich nehme einige aus einem in jahrtausendelanger Kulturtradition hergestellten, aber leider vergifteten Genussmittel extrahierte Substanzen zu mir, und schon fühle ich mich wie Gott in Frankreich. Wer so denkt, dem würde auch die Gleichung einleuchten, dass Michelangelos David zu 40 Prozent Kunst sei und zu 60 Prozent Marmor.
Das french paradox ist kein Phänomen der Ernährungsphysiologie, sondern der Lebensart und der Kultur. Es ist ein Gesamtkunstwerk. Die Leute sind nicht gesund, weil sie Resveratrol zu sich nehmen, sondern weil sie gut leben und sich nicht mit Überlegungen verrückt machen, ob sie eventuell etwas Falsches, Ungesundes und Schädliches tun, wenn sie ihr Dasein genießen. Der Schaden, den eine Politikerrede, eine Regietheateraufführung oder ein Vortrag über Nahrungsmittelunverträglichkeiten in Ihrer Seele anrichten kann, entsteht nicht, wenn Sie stattdessen ganze Weinkeller leertrinken. Sela, Psalmenende. Michael Klonovsky
Montag, 11. Dezember 2017
Unterm Strich
Man sieht einen zunehmend vor Verlegenheit unruhig werdenden Macron, während sein afrikanischer Gastgeber, der Präsident von Ghana, eine Rede über den Nutzen von Entwicklungshilfe hält.
Was der ghanaische Präsident ausführt, deckt sich mit dem, was Dambisa Moyo sagte: "In den vergangenen 50 Jahren sind über zwei Billionen Dollar an Hilfen
von den reichen an die armen Länder geflossen. Aber dieses Modell hat
nirgendwo auf der Welt wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Dabei
wissen wir, wie es geht. Wir haben gesehen, welche Konzepte die Armut in
China, Indien, Südafrika und Botsuana vermindert haben. Diese Länder
haben auf den Markt als Motor für Wirtschaftswachstum gesetzt. (...) Der
Handel mit China ist vielversprechender als Fair Trade mit Europa.
(...) Im Westen sehen viele die Chinesen als Kolonialisten, die Afrika
ausbeuten. Das ist nur Neid. Der auf Mitleid und Almosen basierte Ansatz
der westlichen Entwicklungshilfe ist gescheitert. Das chinesische
Modell hat in Afrika innerhalb von fünf bis zehn Jahren mehr
Arbeitsplätze und Infrastruktur geschaffen als der Westen in 60 Jahren."
Also
sprach die afrikanische Autorin, promovierte Ökonomin, Harvard- und
Oxford-Studentin, Weltbank- und Goldman Sachs-Mitarbeiterin Dambisa Moyo
2009 im FAZ-Interview (hier).
Sonntag, 3. Dezember 2017
Optische Enttäuschung
Wissen Sie übrigens, was "wohlwollender Sexismus" ist? Bei der Zeit erfährt man’s: "Ich bekam zum Beispiel schon oft zu hören, dass Frauen doch so viel diplomatischer als Männer seien. Oder dass bei Umräumarbeiten im Büro ausschließlich Männer gebeten werden, Tische zu verrücken." Hier ist gut zusammengefasst, dass direkt nach der Biologie die Manieren für den Sexismus verantwortlich sind; deswegen ist es dem eigenen Vorankommen z.B. an der Universität förderlich, keine zu haben (und deswegen gibt es wahrscheinlich auch kaum Sexismus unter minderjährigen unbegleiteten "Flüchtlingen" jedweden Alters).
Wer jetzt nach einer exakten Definition von Sexismus verlangt, ist wahrscheinlich männlich, will Frauen mit seinem Herrschaftsanspruch auf vermeintlich logische Argumentation demütigen und die Dunkelziffer leugnen. Aber wir haben ja die Fachpresse und das Fachpersonal für solche Fragen! Im Zeit-Interview gibt die Sozialpsychologin Charlotte Diehl – ausweislich ihres beigefügten Konterfeis übrigens eine aparte Person, was im neuen Gewerbe der Belästigungs-Detektorinnen ja eher ungewöhnlich und deshalb aus sexistischer Sicht festhaltenswert ist – Auskunft: "Sexismus heißt, Sie reduzieren eine Person auf ihr Geschlecht". Was ich nie getan habe oder tun würde, ich habe z.B. beim Mauseln, auch wenn es hektisch wurde, stets gedacht: Vergiss nicht, sie ist Lehrerin, Journalistin, Theologin, IT-Spezialistin, Grafikerin, Musikerin, Köchin, Ehefrau, die ist sogar promoviert (kaum zu glauben bei diesem Anblick!). Trotzdem will ich, sozialpsychologisch unterstützt, die These wagen, die ich einst keck Alice Schwarzer entgegenschleuderte: Sex ist sexistisch! Gerade wenn er gut wird! Ohne Sexismus stürbe die Menschheit aus. Aber womöglich bin ich zu pingelig.
Unsere Sozialpsychologin hat übrigens auch promoviert, nämlich an der Universität Bielefeld zum Thema, na was schon?, sexuelle Belästigung. Momentan arbeitet sie an einem Handbuch "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz", das sich "speziell an Personalverantwortliche" richtet. Lauschen wir ihr also, denn sie verkündet die Zukunft:
"Laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz handelt es sich bei jedem unerwünschten sexuellen Verhalten, das die Würde einer Person verletzt, um sexuelle Belästigung. Das können Berührungen und Blicke sein, aber auch Worte."
Blicke? Blicke! Die Kollegin trägt ihre Brüste auffällig zur Schau, der Mann muss hinschauen – erwischt! Abmahnung! Oder sie zeigt gar nichts zum Hingucken, und er schaut auch nirgendwo hin. Betriebsfriedensziel erreicht. Wenn er Pech hat, behauptet sie trotzdem: "Kollege K. hat mir auf die Brust geschaut!" "Aber Frau Prantl-Eckardt, Sie haben doch gar keine!" Zack, der Chef ist auch mit dran!
"Sexismus entsteht oft, weil Männer Angst haben, ihre Aufstiegschancen mit Frauen teilen zu müssen. Und er ist ein Werkzeug, mit dem sie ihre Macht sichern können – weil sie ihr Gegenüber auf diese Weise einschüchtern. Es kann aber auch vorkommen, dass dem Kollegen tatsächlich nicht bewusst ist, dass sein Spruch gerade nicht in Ordnung war. Sexistische Verhaltensmuster sind oft auch unbewusst."
Frauen können inzwischen Macht erlangen mit der Unterstellung, Männer versuchten, ihre Macht mit sexistischem Verhalten zu sichern. Ich will hier keineswegs all den Tölpeln und plumpen Heinis ein Fest machen, die nicht wissen, wie sie eine Frau anzusprechen haben. Ich habe einige davon kennenlernen müssen, in den verschiedensten sozialen Milieus übrigens, und wahrscheinlich war ich dann und wann selber einer. Aber ich habe nie erlebt, dass die Frauen sich nicht dagegen zu wehren wussten, und in der Regel steht der Kerl dann als der Trottel da, der er offenbar ist. Es ist ja keineswegs so, dass sich "die Männer" gegen "die Frauen" zusammenschließen, auch in der Werkstatt nicht, sondern sie konkurrieren um deren Gunst. Mit einem treffenden Satz Martin van Crevelds: "Für jeden Mann, der jemals eine Frau unterdrückt hat, steht ein anderer bereit, sie zu befreien." Was wir gerade erleben, ist tatsächlich ein Machtkampf, einige engagierte Schwestern haben eine ideale Möglichkeit entdeckt, an die Jobs der Männer zu kommen, nämlich die Denunziation. Dieser Weg ist insofern ideal, als die Vorwürfe ja auch gelegentlich stimmen – die Kriterien für sexuelle Belästigung ("Worte", "Blicke") sind in den vergangenen Jahren dermaßen geändert worden, dass ich nicht "oft" schreiben mag; es ist wie das immer stärkere Absenken von Grenzwerten bei angeblichen oder tatsächlichen Umweltgiften. Wer nach oben will, musste zu allen Zeiten einiges aushalten, aber auch hier wollen einige mittelhochbegabte Mädels künftig den roten Teppich ausgerollt bekommen. Ich wünsche viel Glück.
Merke: Wer einer Frau ein Kompliment macht oder ihr auch nur an der Tür den Vortritt lässt, reduziert sie auf ihr Geschlecht und ist also ein Sexist. Frauen sind dazu geschaffen worden, vom Mast der "Gorch Fock" zu fallen.
Mittwoch, 8. November 2017
Einst, jetzt & einst
Während Anekdoten dem Historiker oder Biographen Winke geben, denen er vertrauen darf, führen ihn Mutmaßungen der Zeitzeugen über das, was hinter den verschlossenen Türen der prominenten historischen Gestalt geschah, verlässlich oft auf die falsche Fährte. Joachim Fest hat zum Wert solcher vertraulichen Spekulationen ein amüsantes Beispiel erzählt, das selber schon wieder eine Anekdote ist.
In einer Unterhaltung mit Hitlers Vertrautem und späterem Auslandspressesprecher Ernst ("Putzi") Hanfstaengl habe er, so Fest, das Gespräch auf das Sexualleben des Führers gelenkt, ein Thema, zu dem keine Quellen existieren und bei dem niemals jemand über die Mutmaßung hinausgekommen ist. "Wissen Sie, Hitler war ein Egomane, er war der geborene Onanist, der konnte nicht einmal das bisschen Zuwendung aufbringen, das für den Geschlechtsakt nötig ist", habe Hanfstaengl erklärt. Eva Braun sei zeitlebens unberührt geblieben. Darauf Fest: "Woher wissen Sie das?" Hanfstaengl versetzte: "Wenn Sie 12, 13 Jahre lang fast täglich mit jemandem zusammen sind, müssen sie nicht die Lampe gehalten haben, um das zu wissen, das weiß ich eben."
Dieselbe Frage, erzählte Fest weiter, habe er Albert Speer gestellt. Der Rüstungsminister gehörte wie Hanfstaengl zu den engsten Vertrauten Hitlers (mehr als das; "Sie sind Hitlers unglückliche Liebe", soll dessen Bürochef Karl Maria Hettlage zu Speer gesagt haben). Speer habe geantwortet: "Das ist doch ganz einfach, der war ein Mann und musste irgendwie seinen Hormonhaushalt regulieren, der hat natürlich ständig mit ihr geschlafen." Wiederum erkundigte sich Fest: "Woher wissen Sie das?", und neuerlich bekam er zur Antwort: "Wenn man 12, 13 Jahre lang fast täglich mit jemandem zusammen ist, dann weiß man das einfach." Klonovsky am 13. 8. 2017
Sonntag, 5. November 2017
Ich fühle, also denke ich
Es heißt Publico und ist seit gestern online.
In fünf überschaubaren Rubriken – Politik & Gesellschaft, Medien & Kritik, Spreu & Weizen, Hausbesuch, Fake News – offeriert der Autor seine Texte. Einer, der Aufmacher sozusagen, widmet sich der Berliner innerstädtischen Verwahrlosung, die noch weit zügiger voranschreitet als der Bau des Flughafens Schönefeld, und endet in der reizenden Conclusio: "Es ist faszinierend zu sehen, wie Angela Merkel und ihre Bediensteten über einen Marshallplan für Afrika nachdenken – unter anderem – während die zuständigen staatlichen Stellen nicht einmal kleinste Areale sicherheitstechnisch in den Griff bekommen, die selbst unter Umständen des Berliner Baustellenumfahrungsverkehrs nur 30 Autominuten vom Kanzlerinnenschreibtisch entfernt liegen."
Das erste Publico-Interview führte Wendt mit dem Berliner Historiker Jörg Friedrich, der unter anderem ein opulentes Buch über den Koreakrieg geschrieben hat und angesichts der drohenden Fortsetzung desselben – also nicht des Buches, sondern des Krieges – auf die Frage: "Nehmen wir einmal an, Sie wären Sonder-Sicherheitsberater von Präsident Trump in der Korea-Frage. Was würden Sie ihm raten?" antwortet: "Raten? Ich würde darauf hinwirken, dass er verhaftet wird. Immerhin hat er Nordkorea vor der UN-Vollversammlung mit der völligen Vernichtung gedroht. Das heißt, er würde im Ernstfall 25 Millionen Menschen pulverisieren."
Höre ich als Trumpianer nicht gern, muss aber mal gesagt werden. MK am 7. 11. 2017
Vernunft kommt von vernehmen! Und in der Tat, mehr noch als zu Kant und Clausewitz empfinde ich eine tiefe seelische Verwandtschaft zu einem von Kants Freunden, dem beim preussischen Zoll als Übersetzer tätigen Johann Georg Hamann.
Freitag, 27. Oktober 2017
Es schreit zum Himmel
Link zum Fundstück
Sonntag, 22. Oktober 2017
Ehrlichkeit
"Nicht die Härte der Strafe wirkt abschreckend, sondern die Gewissheit der Bestrafung." Cesare Beccaria
Dienstag, 12. September 2017
La condition humaine européenne
Piero Angela ist ein Wissenschaftsjournalist aus Turin, also ein Piemonteser, wie Umberto Eco. Er lebt in Frankreich und arbeitet für das italienische staatliche Fernsehen. Er gehört zu den wenigen, die nie fürs Privatfernsehen gearbeitet haben und hat mittlerweile 20 Ehrendoktortitel.
Zu Piero Angelas humorvoller, kluger Beobachtung gibt es eine bemerkenswerte, paradox anmutende Entsprechung in der "Antipsychiatrie", die sich wie ein Negativ von Angelas Bild unter die Lupe nehmen lässt:
In Großbritannien experimentierte der Psychiater Ronald D. Laing sehr gescheit und konsequent, aber viel zu abstrakt, mit dem Relativismus und mit Sartres "dialektischer Vernunft". Ohne dabei größeren Schaden anzurichten und ohne wirklich große Fortschritte zu erzielen.
In Italien verwirklichte der pragmatische Franco Basaglia hingegen eine wichtige Reform.
In Deutschland, wo in den Medien generell sehr wenig, und kaum mal seriös, über Psychiatrie informiert wird, das Thema insgesamt eher gemieden wird (vor allem von Angelas Kollegen Harald Lesch, Dirk Steffens und Ranga Yogeshwar) und der große Karl Jaspers immer noch nicht die ihm gebührende Beachtung findet, kam es zu den grauenhaft verbohrten Ideologisierungen des Sozialistischen Patientenkollektivs in Heidelberg, aus dem dann prompt auch Terroristen hervorgingen, die auch noch besonders engstirnig gewesen zu sein scheinen. Jedenfalls sahen die Suchbilder, die nach dem Überfall auf die Stockholmer Botschaft in den Postämtern hingen, danach aus; das weiß ich sogar heute noch.
What makes us ill
Zu diesen Unterschieden in der Psychiatrie gehören bemerkenswerte Unterschiede in der Normalität, die ein Witz veranschaulichen kann, der mir in Sizilien erzählt wurde.
Ein Verstorbener gelangt in die Vorhalle der Hölle, wo ringsum die Wand von Türen unterbrochen wird, die in die diversen Höllenabteilungen führen. Er klopft an die Tür der Englischen Hölle. Man öffnet ihm und fragt, was er wünsche.
Er erkundigt sich, was ihn in der englischen Hölle denn erwarte. "Peitschen, Steinigungen, siedendes Öl, Waterboarding...".
Erschreckt wendet er sich ab, nein danke, die Tür schließt sich wieder. Nun klopft er an die Deutsche Hölle, man öffnet ihm, er erkundigt sich. Von ferne hört er gequältes Schreien.
Die Antwort auf seine Frage ist jedoch genau dieselbe, wenngleich die Auskunft diesmal mit besonderer Höflichkeit erteilt wird. "Peitschen, Steinigungen, siedendes Öl, Waterboarding...".
Er zuckt zurück und beeilt sich wegzukommen.
Jetzt gelangt er vor den Eingang zur Italienischen Hölle und klopft an deren Tür.
Man öffnet einen Spalt breit, mustert ihn einige Zeit und fragt dann voller Argwohn, was er wolle... Er wolle wissen, was ihn hier erwarte, sagt er. Nach einigem Zögern erhält er als Antwort die übliche Aufzählung erweitert um einige zusätzliche Unannehmlichkeiten:
"Peitschungen... Steinigungen... siedendes Öl... Waterboarding... Daumenschrauben... Kreuzigungen... Vergewaltigungen... Enthauptungen... Erhängungen..." (im Hintergrund hört man Gelächter und Musik).
"Peitschen, Steinigungen, siedendes Öl, Waterboarding...??? Und warum grinsen Sie so, und was soll das blöde Gelächter???" "Ja wissen Sie, manchmal fehlen die Peitschen, manchmal sind nicht genug Steine da, mal ist das Öl knapp, mal das Wasser...".
Gemeinsam ist diesen drei Betrachtungen eine Relativierung des subjektiven Normalitätsbegriffs.
ERROR COMVNIS FACIT IVS
Man hilft sich angesichts der Willkür, die dem Normalitätsbegriff zugrunde zu liegen scheint, am besten aus der Patsche, indem man feststellt, dass:
1. - im Universum das Leben eine Ausnahme darstellt und das Wahrscheinlichste - und somit das Normale - eigentlich der Tod ist
2. - im Bereich des Lebens das die Umgebung wahrnehmende, erfahrende, erinnernde und entscheidungsmächtige Leben gegenüber rein reaktivem Leben wiederum eine Ausnahme darstellt
3. - im Bereich des entscheidungsmächtigen Lebens das sich selbst bewusste Leben eine Ausnahme darstellt
4. - in der bewussten Lebensform Mensch das gesunde Leben eine weitere Ausnahmesituation darstellt
5. - in einem gesunden Menschenleben, der gesunde Menschenverstand (von dem Ralph Waldo Emerson sagte, er sei so selten wie Genie), die Klugheit und die Weisheit wiederum eine Ausnahme sind
6. - Klugheit und Weisheit ausnahmsweise auch mal einen Heiligen als unwahrscheinlichste aller Lebensformen hervorbringen können (ein guter Mensch ist nicht jemand, der nie anderen schadet, sondern jemand, der sich des Schadens, den er verursacht, bewusst ist oder wird und daraufhin versucht, wieder gut zu machen, zu heilen)
Heil an Leib und Seele zu sein ist also nicht normal, sondern die ganz große Ausnahme.
„Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin Ich, der Ewige, euer Gott.“
Holyness ist im Grunde nichts anderes als Wholeness, Heiligkeit ist eigentlich nur Ganzheit. Die "Vervollkommnung" ist also nur das Ergebnis eines ständigen Reparaturprozesses im Reich der Entropie. Und selbst dieses Ergebnis wird nie erreicht, so sehr wir auch danach streben. Es existiert im besten Fall als Idee und Leitmotiv, solange wir uns in der Vergänglichkeit aufhalten und noch nicht vergangen sind. Das eigentlich Menschliche ist die UNZULÄNGLICHKEIT, und das Menschlichste ist vielleicht, sie anzuerkennen, anzunehmen und zu verzeihen und dennoch zu versuchen, ihrer Herr zu werden, wenigstens der eigenen.
Dienstag, 5. September 2017
Emirat Sizilien
"Italien ist das Land, wo die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten eine Arabeske ist." Ennio Flaiano
"Italien ist das Arabien des Nordens" Tarak Ben Ammar
Am Tag, als Israel das Gründungsjubiläum seiner Staatsgründung feierte, sagte der Gatte der florentinischen Rabbinatssekretärin zu mir "Das einzige arabische Land, das damals nicht angriff, war Sizilien".
Binnu u Tratturi und Bin Laden haben mehr gemeinsam als man sich nördlich der Alpen träumen oder sagen lassen können möchte.
Montag, 4. September 2017
Wüstenweisheit
"Peter Brötzmann ist ein Muezzin in einer Wüste aus Stein." kommentierte in den 80-er Jahren Alexander von Schlippenbach
Thomas Schmid
Sonntag, 3. September 2017
Gebranntes Kind mied Feuer und ertrank
"Ein ständiges Starren auf die Gestalt, worin sich das Unheil in der Vergangenheit gezeigt hat, verhindert am sichersten, daß man es beim nächsten Mal, in seiner neuen Gestalt, wiedererkennt." Jürgen Große
Alice im Gespensterland
Freitag, 1. September 2017
Niedertracht und Deformation
Billig war die Retourkutsche der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, die von „Fake News“ sprach. Döpfner hat die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks tendenziell richtig eingeschätzt, doch betreibt auch er ein falsches Spiel, wenn er die privaten Medien als funktionierendes Korrektiv hervorhebt.
In den relevanten Fragen und Debatten der letzten Jahre – Ukraine- und Krim-Krise, Putin, Syrien, Freihandel, Refugees-Welcome-Kampagne, Trump-Wahl, Sarrazin, Sieferle – bildeten die staatlichen und privaten Medien eine politisch-ideologische Einheitsfront.
Gerade in der Freund-Feind-Kennung herrscht absolute Einigkeit. Und die mit der AfD befaßten Journalisten gleichen durchweg einer Meute scharfgemachter Kampfpinscher. In formellen Bündnissen wie dem Rechercheverbund der Süddeutschen Zeitung, dem NDR und WDR zeichnen sich die künftigen medienpolitischen Konturen bereits ab.
Döpfner spricht ebenfalls die Sprache des Mainstreams, wenn er dazu aufruft, den „rechten Hetzern die Verschwörungstheorie von der Political-Correctness-Mafia zu zerstören“, und dekretiert, „rechtsradikale Haltungen sind aus gutem Grund ein Tabu seit ’45, und sie zu brandmarken, gehört zur Staatsräson“. Sein Anliegen besteht lediglich darin, daß der Kuchen in seinem Sinne gerechter verteilt wird.
Der Alt-68er und Springer-Journalist Thomas Schmid hat kürzlich angemerkt, hinter dem journalistischen Gleichklang stecke „keine Absicht, kein Plan. Es ist auch keine Machenschaft. Vielmehr sind Bequemlichkeit, Opportunismus, Herdentrieb und der feste Wille am Werk, keinesfalls in gedankliche Sphären vorzudringen, in denen es ungemütlich werden könnte.“
Thomas Hoof, Verleger des Sieferle-Buches „Das Migrationsproblem. Masseneinwanderung und Sozialstaat“, bescheinigte ihm in einem offenen Brief, mit wenigen Strichen den „Mitläufer“ als „den journalistischen Normalfall“ gezeichnet zu haben. Dieser sei einer „Personalakquise geschuldet, mit der offenbar nur herdentriebhafte, bequeme, gedankenarme und opportunistische, kurz: mitläuferische Nachwuchskräfte rekrutiert“ wurden.
Ihre gängigen Mittel seien das „Totschweigen und Skandalisieren“, wie der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger in dem gleichnamigen Buch analysiert hat. Kepplinger widmet sich unter anderem den irreführenden Darstellungen von Ausschreitungen am Rande von Pegida-Kundgebungen. Die Gewalt ging klar von Gegendemonstranten aus, doch Schlagzeilen wie „Festnahmen bei Pegida-Demonstrationen“ suggerierten, daß Pegida-Anhänger dafür verantwortlich gewesen seien.
Zwar lehnt eine Mehrheit der Journalisten solche Praktiken in der Theorie ab, doch eine relevante Minderheit, nämlich ein Viertel, hält sie entschieden für legitim, und zwar mit der Begründung, daß „die Pegida-Kundgebungen (…) der eigentliche Grund für die Ausschreitungen waren“. Diese Minderheit war und ist keineswegs isoliert, sondern stößt in ihrer Berufsgruppe auf breites Verständnis und findet sogar Unterstützung durch unterlassene Richtigstellungen, durch Rechtfertigungen oder vordergründig neutrale Berichte, die die Schuldfrage offenlassen.
Im Zweifelsfall überwiegen der Korpsgeist und das gemeinsame Interesse an der Aufrechterhaltung der Deutungshoheit. Zudem befanden die Fälscher sich seinerzeit im Einklang mit führenden Politikern, die ein „hartes“ Vorgehen gegen die Protestbewegung forderten. Auf diese Weise erzielten die Falschdarstellungen „Hebelwirkungen“ und setzten sich in der öffentlichen Wahrnehmung durch.
Das ist gewollt! Der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger (JF 18/16) hat in zwei Büchern – „Meiungsmacht“ und „Mainstream“ – die engen Verbindungen von Alpha-Journalisten zu politischen Netzwerken nachgewiesen. Unterbelichtet bleiben gewöhnlich die Auswirkungen der konkreten Besitzverhältnisse der Medien und die zunehmende Pressekonzentration.
Noch einmal Döpfner: Der Chef eines der größten Medienhäuser Europas ist laut Wikipedia auch Mitglied des International Advisory Council der RCS Media Group, seit Mai 2014 im Board of Directors von Warner Music und seit 2015 Chairman of the Board of Directors bei Business Insider Inc., USA. Zu seinen Mandaten in Non-Profit-Organisationen zählen Mitgliedschaften in den Aufsichtsgremien des European Publishers Council (EPC), der American Academy in Berlin, dem American Jewish Committee und Mitglied im Global Board of Advisors des US-amerikanischen Think Tanks Council on Foreign Relations. Döpfner ist Mitglied des Vereins Atlantik-Brücke, dessen ‘Young Leader’-Programm er abgeschlossen hat. Er war Kuratoriumsmitglied des Berliner Aspen-Instituts, weiterhin war er ein Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz 2015.
Er ist ein idealtypischer Multifunktionär, in dem sich geschäftliche, politische, ökonomische, ideologische Interessen bündeln, wobei die transatlantischen Verbindungen besonders auffallen. Ohne dieses Interessenbündel sind die Wirkungsabsichten und -strategien des von ihm geleiteten Konzerns nicht zu erklären. Ähnliches ließe sich auch bei Bertelsmann, Burda und anderen großen Medienhäuser darstellen, die den deutschen Medienmarkt unter sich aufgeteilt haben.
Zugleich sind sie Teil einer auf Globalisierung ausgerichteten Wirtschaft und teilen damit das wirtschaftliche und politische Interesse an der Einebnung nationalstaatlicher Grenzen und Eigenheiten. Was von ihren Medien als „rechts“ – ehedem die Bezeichnung für eine höchst ehrenwerte Gesinnung – stigmatisiert wird, ist die Verteidigung von Strukturen, die die Globalisierung hemmen: Familie, Region, Staat, kulturelle Distinktion, Volkssouveränität.
Vor diesem Hintergrund wäre es zu einfach, das Mitläufertum von Journalisten ausschließlich auf subjektives Versagen wie ideologische Verblendungen zurückzuführen. Journalisten sind abhängige Lohnarbeiter, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Ihre Produkte, Wort- und Bildbeiträge, sind Waren, die – in der marxistischen Terminologie – einen Gebrauchs- und einen Tauschwert besitzen.
Der Gebrauchswert meint den individuellen oder gesellschaftlichen Nutzen. In dem Fall besteht er nach den Worten Döpfners darin: „Journalismus ist der Scheinwerfer der Aufklärung oder, eine Nummer kleiner, zumindest die Taschenlampe des mündigen Bürgers“, dieses „wahren Souveräns der Demokratie“. Noch pompöser ausgedrückt: Er ist ihre vierte Säule!
Doch die Praxis sieht anders aus. In der sogenannten Flüchtlingskrise hat sich der wahre Zustand des Staates, der Demokratie und der Medien enthüllt: Die Merkel-Exekutive errichtete eine „Herrschaft des Unrechts“ (Horst Seehofer), die Legislative und die Judikative sahen tatenlos zu, während die Medien jubelten. Ihr Gebrauchswert bestand in der Irreführung, Manipulation und Einschüchterung.
Die Frage, warum die meisten sich vom Irrsinn korrumpieren lassen, beantwortet sich mit dem Hinweis auf den Tauschwert. Er bezeichnet die Gegenleistung, die Entlohnung, die man für sein Produkt erhält. Dieser wird in komplexen Gesellschaften von den Zwischenhändlern – in diesem Fall: von den monopolistischen Medienkonzernen – festgelegt.
Georg Lukács hat in seinem 1923 erschienenen Buch „Geschichte und Klassenbewußtsein“ den Einfluß der Produktions- und Besitzverhältnisse auf die Psyche des Arbeiters – also auch des Medienarbeiters – in mustergültiger Weise dargelegt. Der Zwang des Gebrauchs- und Tauschwerts schreibt sich „immer tiefer, immer schicksalhafter und konstitutiver in das Bewußtsein“ ein, so daß die Arbeitskraft sich von der Persönlichkeit abspaltet und die Individualität und der Eigensinn zu Fehlerquellen werden, die ausgetrocknet werden müssen.
Der Arbeiter wird zum einflußlosen Zuschauer seiner Entfremdung. „Am groteskesten zeigt sich diese Struktur im Journalismus, wo gerade die Subjektivität selbst, das Wissen, die Ausdrucksfähigkeit zu einem abstrakten“, von den Schreibern und „von dem materiell-konkreten Wesen der behandelten Gegenstände“ losgelösten „Mechanismus“ verkommen.
„Die ‘Gesinnungslosigkeit’ der Journalisten, die Prostitution ihrer Erlebnisse und Überzeugungen ist nur als Gipfelpunkt der kapitalistischen Entfremdung begreifbar.“ Maximal möglich sind noch ein Virtuosentum und ein Eskapismus, die an der Oberfläche kratzen – gleichgültig, ob jemand in einem staatlichen oder privaten Medienkonzern tätig ist. Die Totschweiger, Skandalisierer, Faktenfälscher – sie sind auch objektiv Deformierte und verdienen als solche Nachsicht. Thorsten Hinz
Donnerstag, 31. August 2017
Opium für die Schonzulangehierlebenden
Ich musste also öfter an „Good Bye Lenin“ denken, denn manchmal komme ich mir genau so vor: irgendetwas Entscheidendes habe ich verschlafen! Irgendetwas habe ich nicht mitbekommen, habe eine Entwicklung verpasst, die zum Verstehen der gegenwärtigen Ereignisse jedoch Not täte.
Erst vor wenigen Tagen saß ich mit einem meiner besten Freunde zusammen, den ich nur noch selten im Jahr sehe. Wir haben eine bewegte Adoleszenz gemeinsam verbracht und zusammen das Abitur auf der Deutschen Schule in Washington gemacht. Im Gegensatz zu mir hat er dann etwas Ordentliches studiert und ist in die Wirtschaft gegangen. Inzwischen hat er sein eigenes sehr erfolgreiches Unternehmen und gehört ganz sicher zu den Privilegierten in unserem Land, was Reputation und monetäre Ausstattung angeht.
Wir saßen also zusammen in einem dieser Hipster-Restaurants von Berlin und unser Gespräch kam auch auf die Bundestagswahl. Er hatte die CDU gewählt, weil er Angela Merkel als eine ehrenwerte Person ansieht und - wörtlich - „Mitleid und Barmherzigkeit“ in der deutschen Politik für wichtig hält. Ich fand die Begründung sehr interessant. Als erfolgreicher Unternehmer weiß er natürlich, dass Mitleid und Barmherzigkeit weder politische noch wirtschaftliche Kategorien sind. Würde ein Beratungsunternehmen seiner Firma „Mitleid und Barmherzigkeit“ als Unternehmensziel verordnen, er würde es eher heute als morgen feuern. In der Politik sind „Mitleid und Barmherzigkeit“ jedoch Wahlkriterien.
Nun ist mein Freund sehr gebildet, sehr international und sehr weltoffen, und ich werde einen Teufel tun, seine Begründung lächerlich zu finden. Ich nehme sie ernst und erkenne in ihr ein Bedürfnis nach religiöser Legitimation von Politik, wie sie in unserem Land inzwischen wieder weit verbreitet ist. Natürlich geht mein Freund Sonntags nie in die Kirche. Er hat sein Bedürfnis nach Mitleid und Barmherzigkeit an die Politik outgesourced, was ganz sicher ein Zeichen säkularisierter Gesellschaften ist. Alle Lebensbereiche werden von kleinlichen Interessen bestimmt, da soll sich Politik um das interesselose Große, Schöne und Wahre kümmern.
Was wir Deutschen inzwischen als humanitären Imperativ zur Staatsräson erhoben haben, hat Frau Merkel von den Linken abgekupfert. Denn die Linken, die waren schon immer die Guten mit dem großen Herz, und endlich dürfen die Konservativen ihren kalten Hauch des Unmenschlichen hinter sich lassen. Ist doch so?
Die Wahrheit ist, dass auch die Linken ihr großes Herz für Flüchtlinge erst vor kurzem entdeckt haben. Bei der Partei DIE LINKE dürfte das noch am offenkundigsten sein, hat doch ihre Vorgängerorganisation, als sie noch die staatlichen Mittel in der Hand hatte, dafür gesorgt, dass Flüchtlingen regelmäßig beim Verlassen der DDR in den Rücken geschossen wurde. Aber wie steht es mit der SPD und den GRÜNEN, die sich seit 2015 im Wettlauf um die schönste Flüchtlings-Poesie befinden? Ihr Herz für Flüchtlinge haben auch sie erst entdeckt, als die Flüchtlinge nicht mehr Deutsche waren, sondern aus den entferntesten Regionen der Erde kamen.
So schreibt DER SPIEGEL vom 18.9.1989 - also in Zeiten, als SPIEGEL-Journalisten noch weitgehend ohne Scheuklappen und Sprachverbote schreiben konnten - unter der Überschrift „Das Faß läuft über“: Der Flüchtlingszuzug aus der DDR verschärft die Wohnungsnot, Experten warnen vor einer „Katastrophe“ und orten einen „Nährboden für Radikale“.
Damals übrigens weigerten sich die progressiven Kräfte in Westdeutschland, Bürger aus der DDR, die nach Westdeutschland geflohen waren, als Flüchtlinge zu bezeichnen (auch von Geflüchteten und Schutzsuchenden war man noch weit entfernt). Übersiedler oder „Rübergemachte“ wurden sie genannt, und da schwang schon eine gute Portion progressive Verachtung mit.
Einige Wochen später, am 23. Oktober 1989, heißt es dann im SPIEGEL: Die Ressentiments gegen Übersiedler erhalten beinahe täglich Nahrung durch neue Reizbilder in den Medien. Wenn die Ankömmlinge im Westfernsehen aufgekratzt Deutschland-Fähnchen schwenken, ihre DDR-Kennzeichen am Wartburg bis aufs bloße „D“ durchstreichen und die neuerworbenen Bundespässe voller Nationalstolz in die Kamera halten, graust es vielen Grünen, die sich auf ihre internationalistische Gesinnung viel zugute halten. „Die Zonis küssen ja den BRD-Boden wie der Papst“, beobachtete entgeistert ein Mitglied der Hamburger Grün-Alternativen Liste
Und DER SPIEGEL schreibt weiter: Schwierigkeiten im Umgang mit den SED-Flüchtlingen haben westdeutsche Linke auch deshalb, weil der Massenansturm Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot weiter verschärft. Heimische Zukurzgekommene fühlen sich durch die Neubürger zusätzlich benachteiligt.
Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Hermann Heinemann (SPD) sah sich letzte Woche genötigt, vor einer „Verhätschelung“ der DDR-Übersiedler zu warnen: Hiesige Arbeitslose müßten „mit Bitterkeit“ registrieren, daß den Zuwanderern Arbeitsplätze „auf dem goldenen Tablett“ serviert würden.
Vielen Gewerkschaftern sind die DDR-Übersiedler zudem als Streber mißliebig, die im Verdacht stehen, jede Arbeit anzunehmen, zu fast jedem Preis. In Berliner Szene-Kneipen wird schon über die „neuen Arschkriecher“ gewettert, in Hamburg besprühten Unbekannte Hauswände mit der Parole: „Kritische Mitbürger aus der DDR willkommen, Anpasser und Lohndrücker Nein Danke“. Daß nach einer Umfrage über 60 Prozent der Zuwanderer CDU wählen würden, paßt vielen Linken ins Bild.
In West-Berlin, wo das Gerangel um Arbeitsplätze und Wohnungen besonders heftig ist, haben grüne Politiker bereits eine Zuzugsbegrenzung für DDR-Übersiedler ins Gespräch gebracht. (…)
Einzelnen SPD-Politikern kommt die Massenflucht mittlerweile ebenfalls ungelegen. Mit Hinweis darauf, daß die DDR nicht ausbluten dürfe, forderte der West-Berliner Abgeordnete Ehrhart Körting, die Übersiedlung per Gesetz zu erschweren, etwa durch eine Abschaffung der Rentenberechtigung. Wer die DDR verändern wolle, müsse sicherstellen, argumentiert Körting, daß die kritischen Bürger auch dortblieben.
Der humanitäre Imperativ und die Einforderung von Mitleid und Barmherzigkeit sind auch bei den Linken eher Erscheinungsformen neueren Datums. Sahen sie die deutschen Flüchtlinge Ende der 80er Jahre noch als Bedrohung an und ähnelten in der Argumentation durchaus denjenigen, die sie heute als Wutbürger beschimpfen, so können die Linken inzwischen die Arme nicht weit genug für alle Menschen fremder Provenienz aufreißen, um Willkommen zu schreien. Die Vorstellung, ein Martin Schulz („was die Flüchtlinge bringen, ist wertvoller als Gold“) oder eine Katrin Göring-Eckardt („die Flüchtlinge machen unser Land besser“) hätten sich mit gleicher Verve für DDR-Flüchtlinge ins Zeug gelegt, wie sie es jetzt für die Hunderttausenden Iraker, Afghanen und Marokkaner tun, ist zumindest eine lustige, wenn auch abwegige.
Und dann war es da wieder, dieses Gefühl wie aus „Good Bye Lenin“, dass ich irgendetwas verschlafen habe: die Einführung der unbedingten Flüchtlingsliebe und des humanitären Imperativs bei den Linken. Ich hatte sie schlicht verpennt. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: die Linken lieben gar nicht die Flüchtlinge, sie hassen sie einfach ein bisschen weniger, als sie die Deutschen hassen.
Der humanitäre Imperativ wirkt daher so verlogen wie vorgeschoben, um die Lust der heutigen Linken an der mutwilligen Zerstörung der deutschen Gesellschaft zu kaschieren. Was wie gottgegebene Moral und Barmherzigkeit aussieht, erscheint als die späte Rache der Linken für die erlittene Schmach, die deutsche Einheit nicht aufgehalten haben zu können. Derartige schlafende Rachegelüste sind weitaus wirkmächtiger als Humanismus und Menschenliebe. Markus Vahlefeld
Mittwoch, 30. August 2017
Im Äon der selbstgerechten Eigenständigkeit
Im Endspurt des vergangenen Bundestagswahlkampfes trat die grüne Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt zusammen mit Kolleginnen und Kollegen am 22. September in Erfurt kräftig in die Pedale.
Mit Man- bzw. Woman-Power strampelten die Vorreiter für »alternative Energien« auf festmontierten Drahteseln, um mit der gewonnen Energie eine Kaffeemaschine zu betreiben. Gute Idee, könnte man meinen. Radfahren ist ja so gesund und umweltfreundlich. Aber: Taugt das Rad auch für die umweltfreundliche Energieproduktion?
Wie wäre es eigentlich, wenn da nicht wackere Kämpferinnen und Kämpfer für eine Zukunft ohne Atome, Gene und chemische Verbindungen, aber eben doch nur Freitzeitradler in die Kurbeln träten, sondern muskelstarke Berufspedaleure mit Radsportvollzeitpensum?
Weltklassefahrer erreichen Spitzenleistungen von über 400 Watt. Wenn sie acht Stunden lang im Sattel sitzen, reduziert sich die Durchschnittsleistung natürlich deutlich. Ein Profiradrennfahrer, der in einer Flachetappe im Feld bei 40 km/h mitrollt und dabei im Windschatten knapp 40% Kraftaufwand einspart, leistet konstant etwa 200 Watt.
Säße da also nicht nur das Bündnis 90 auf dem Hobel, sondern acht kräftige und durchtrainierte US-Postal- oder Team-Telekom-Sportler, dann könnten die, wenn sie jeden Tag acht Stunden lang auf dem Rad säßen, täglich 12,8 Kilowattstunden (kWh) Strom produzieren. Im ganzen Jahr – inklusive Wochenenden, Feiertage und ohne Urlaub – macht das 4672 kWh.
Der Haken an der Sache: Es wird zwar in den Freundeskreisen des »Öko«-Stroms gerne erzählt, dass uns die Sonne keine Rechnung schicke, aber von nichts kommt nichts. Die 4672 kWh Strom gehen mit einem erhöhten Nahrungsverbrauch einher. Nun denken wir natürlich nachhaltig und ressourcenschonend, darum ernähren wir die Radsportler mit dem effizientesten Nahrungsmittel überhaupt: mit Mais. Kein Nahrungsmittel hat ein so gutes Verhältnis von Kalorien zu Anbauflächenbedarf.
100 Gramm Mais geben 374 Kilojoule (kJ) Energie her. In guten Jahren erntet man in Deutschland rund 10 Tonnen Körnermais pro Hektar. 4672 kWh entsprechen 16,8 Millionen kJ. Um diese Energie mittels Mais aufzubringen, wären demnach 0,45 Hektar Anbaufläche nötig. Leider ist der Mensch aber kein Wunderwerk der Effizienz, sondern die Muskeln geben neben der Bewegungsleistung vor allem Wärme ab. Nur rund 20 Prozent der investierten Energie können beim Radfahren in Bewegung umgesetzt werden. Das achtköpfige Radsport-Ökostrom-Team brauchte für diesen Mehraufwand eine zusätzliche Anbaufläche von 2,25 Hektar. Nun reichen die 4672 kWh gerade mal für einen durchschnittlichen Haushalt. Deutschland hat aber einen Stromverbrauch von 525 Terawattstunden (TWh), sprich: 525.000.000.000 kWh. Um diese Energiemenge mit austrainierten Profiradfahrern bereitzustellen, brauchte man nicht deren acht, sondern 900 Millionen.
Die Anbaufläche für den zusätzlichen Energiebedarf dieser wahrscheinlich indischen oder chinesischen Radsport-Armada betrüge über 2,5 Millionen Quadratkilometer. Angesichts dessen, dass Deutschland nur über eine Fläche von 357.000 Quadratkilometern verfügt, ergibt sich ein gewisses Problem. Es wäre zu klären, welche Länder den Gürtel enger schnallen und Agrarflächen zur Verfügung stellen müssten, damit sich der Traum vom »umweltfreundlichen« Zweiradstrom erfüllen liesse.
Ach ja, noch ein Gedanke zum Strompreis (die Kosten für die Fahrräder und die Arbeitgeberbeiträge lassen wir mal weg): Wenn die 900 Millionen Pedaleure den Mindestlohn von derzeit 8,84 Euro pro Stunde kriegen, wären dafür über 2600 Milliarden Euro jährlich nötig. Die Kilowattstunde würde dann 44 Euro kosten.
Fragen, die jetzt noch zu klären wären:
- Wie viele Liter Diesel wird für die Bewirtschaftung der Anbaufläche benötigt?
- Welche Auswirkungen hätte die enorme Abwärme der 900 Millionen Radsportler auf das Klima?
- Könnte man diese Abwärme nutzen, um im Winter »erneuerbar« zu heizen?
- Wäre im Sommer ein erhöhter Stromverbrauch für Klimaanlagen in Kauf zu nehmen?
- Wie hoch wäre der Wasserverbrauch des Radteams im Vergleich zu den von den Grünen so geschmähten Rindvieheinheiten?
- Wieviel Anbaufläche ginge für Bio-Kettenöl drauf? Christian Weiss auf Nuclearia
Dienstag, 29. August 2017
Proportionen
"Eine Million kann dieses Land gut verkraften. Wenn 83 Leute in einem Raum sitzen und eine Person kommt rein und fragt, ist hier noch Platz, würde kein Mensch sagen: Nein, es ist überfüllt."
Es wäre in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass, erstens, die Alterstruktur derer im Raum nicht ganz unerheblich ist, und es zweitens im gesamten Haus nur wenige Zimmer gibt, die überfüllter sind.
Nehmen wir beides, Altersstruktur und Alltagsgedränge, kurz unter die Lupe, um uns die Proportionen zu veranschaulichen:
„In einer postrechtsstaatlichen Gesellschaft, in der gewaltsame Fehden ausgetragen werden, spielt die absolute Zahl der Menschen keine Rolle mehr. In der Demokratie hat jeder Bürger eine Stimme, wie schwach und inkompetent er auch sein mag, und vor dem Gesetz sind alle gleich. In der Tribalgesellschaft ist dies anders. Hier kommt es darauf an, starke, handlungsfähige, kampfbereite Verbündete zu gewinnen, und da zählt ein junger Krieger mehr als eine alte Frau.
In Deutschland gibt es zur Zeit etwa 5 Millionen junge Männer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren. Zieht man davon eine Million Männer mit 'Migrationshintergrund' ab, so bleiben 4 Millionen ethnisch deutsche Männer. Die Einwanderung von jungen Männern aus Tribalgesellschaften beträgt zur Zeit etwa 800.000 Personen im Jahr. Dies bedeutet, daß in fünf Jahren etwa ebenso viele tribalgesellschaftliche junge Krieger in Deutschland leben werden, wie es deutsche Männer in ihrer Altersgruppe gibt. Der quantitative Effekt der Einwanderung auf die indigene Bevölkerung ist also weit höher, als wenn man nur die absolute Zahl der Einwanderer (1 Million) in Bezug setzt zur Gesamtbevölkerung (80 Millionen), was im Jahr nur 1,25 % sind.
Allerdings bedeutet dies nicht, daß sich innerhalb von nur fünf Jahren gleich große Bürgerkriegsarmeen gegenüberstehen werden. Die Einwanderer entstammen zwar Tribalgesellschaften und verfügen über die entsprechende Aggressivität, doch kommen sie aus sehr verschiedenen Gesellschaften, d. h. sie bilden keinen einheitlichen 'Stamm', auch wenn sie (etwa als sunnitische Muslime) bestimmte kulturelle Gemeinsamkeiten haben. Was ihnen jedoch fehlt, ist eine umfassende Organisation. Sie sind daher trotz ihrer Größe nicht zu einem koordinierten Angriff fähig, während die nationalen Sicherheitsbehörden (Polizei, Bundeswehr) dazu durchaus in der Lage sind. Eine generelle Erfahrung komplexer Gesellschaften lautet, daß militärisch gut organisierte Minderheiten in der Lage sind, größere Mehrheiten zu beherrschen, solange es gelingt, diese desorganisiert zu halten. Eine militärische Machtübernahme von Islamisten ist daher nicht zu erwarten.
Statt dessen aber ist der Rückzug des Rechtsstaats aus der Regelung von Alltagskonflikten sehr wahrscheinlich. Die Existenz und Legitimität des Rechtsstaats beruht letztlich auf seiner nicht in Frage gestellten Selbstverständlichkeit. Diese wird im multitribalen Kontext aber aufgelöst, und es entsteht eine merkwürdige Gemengelage unterschiedlicher normativer Orientierungen. So kann man (in der heutigen Anfangsphase der Auflösung des Rechtsstaats) beobachten, daß dieser seine feinsinnigen, auf eine hochgradig integrierte und befriedete Gesellschaft eingestellten Regeln auch auf Situationen anwendet, die nahe am Bürgerkrieg liegen. So gibt es bei Gesetzesverstößen das Institut der Bewährungsstrafe, das von der Annahme ausgeht, die Regelverletzung sei ein reversibler Irrweg, und man dürfe dem Verletzer nicht den 'Rückweg' in die normale soziale Existenz verbauen. Wenn man diese Bewährungsstrafe auf einen Delinquenten aus einer Tribalgesellschaft anwendet, wird er dies als Freispruch und damit als Ausdruck von Schwäche interpretieren. Er muß sich nicht 'bewähren', denn seine ‚Integration’ in die eigene Gesellschaft hat er nie verloren. Die deutsche rechtsstaatlich geprägte Gesellschaft ist für ihn dagegen bloßes Beutegebiet, auf das er umso entschlossener zugreifen wird, je schwächer der Widerstand ist."
(Rolf Peter Sieferle, „Das Migrationsproblem“, S. 114-115, zitiert nach Acta Diurna 5. 10. 2017)
Sonntag, 27. August 2017
Metaebenen
Ich hatte hier gestern den Versuch unternommen, das Buch "Mit Linken leben" von Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz zu loben, aber dessen Gegenstand als langweilig zu verwerfen –, denn was könnte es Langweiligeres geben, als mit Linken zu leben? vielleicht mit Salafisten zu trinken? –, was gründlich danebenging, woraufhin ich die kurze Notiz getilgt habe. Wenn ein talentierter Fotograf in immer neuen Variationen die Steppe ins Bild setzt, bleibt es doch die Steppe und nichts als das. Sommerfeld und Lichtmesz beschäftigen sich hingebungsvoll und akribisch, sarkastisch und humorvoll mit der umfassendsten geistigen Öde unseres Epöchleins: der westlichen, speziell natürlich deutschsprachigen Linken, die keinen Daseinsgrund mehr besitzt, weil längst sogar die Kanzlerin linke Politik macht und eine noch linkere Opposition eine noch linkere Politik nicht wirklich fordert, sondern dies nur fingiert, weil selbst der linkeste Linke nach dem Zusammenbruch der UdSSR kapiert hat, dass man die Kuh, die man melken will, nicht umbringen darf. Es geht um eine Linke, die keine Bewegung mehr ist, erst recht keine Avantgarde (sofern sie das je war), sondern eine abgestillte, pappsatte, dröge, dumpfe, aggressive, machtgeschützte, medial mit einheitsparteilicher Verve verbreitete, von der evangelischen Kirche bis zum DFB, von der taz bis zur Bertelsmann-Stiftung getragene, eine umfassende Mentalitätsherrschaft ausübende Großclique, die keine Köpfe und Ideen mehr hervorbringt, dafür scharenweise Denunzianten und Mitläufer, die keinen Esprit mehr produziert, sondern buntbemalte begriffliche Stacheldrahtverhaue, die nicht provoziert, sondern wittert und Lunte riecht, die an den Universitäten das freie Denken abgeschafft und durch einen grotesken Theoriekrieg gegen die Realität ersetzt hat, die sich im "Kampf gegen rechts" zum Endaufklärungs-Thing und Totemdienst versammelt und deren Bodentruppen jeden schikanieren, der aus der Reihe tanzt und rote Linien überschreitet – wobei die gesamte Chose sofort zusammenbräche, käme eine Regierung an die Macht, die nichts weiter täte als das System der staatlichen Alimentierung abzuschaffen, sprich GEZ-Gelder weg, Staatsknete für den „Kampf gegen rechts“ und alle seine Antonio-Amadeu-Afterstiftungen weg, Bühnensubventionen weg, Kulturförderung für alles Zeitgenössische weg, Kirchensteuer abschaffen etc.
"Wir müssen mit Linken leben und sie mit uns", hebt das Buch menschenfreundlich an. "Die linke Ideologie ist heute in sämtliche Ritzen der Gesellschaft gedrungen", konstatieren Sommerfeld/Lichtmesz, und so leuchten sie auch noch die Ritzen aus und führen den Leser durch den gesamten begrifflichen und vor allem affektiven Raum ohne Volk, der heute von linksdrehenden, links sprechenden, links empfindenden, links heuchelnden Figuren bevölkert wird. Die Autoren definieren die verschiedenen Spielarten des Linksseins ("Statuslinke", "Ressentimentlinke", "Gefühlslinke", "Alt-68er" etc. ad nauseam pp.); ihr Glossar reicht vom "Virtue signalling" (= Tugendprahlerei) über das "Gaslightning" (= die Alltagserfahrungen der Menschen zur subjektive Wahrnehmungsstörung erklären) bis zum "Cuck", dem effeminierten westlichen Schrumpfmann, einer Parodie des Mannes, der gern "authentisch" ist und sich schämt und weint, wie mein journalistischer Zweitlieblingsnarr Hannes Stein, dem durch die Trump-Wahl das bergende überseeische Gesäß abhanden kam und der seine temporäre metapolitische Obdachlosigkeit in einem durchaus legendären Kommentar in der Welt beschrieb mit den gefügelten Worten: "Ich nahm ihre Hand (die seiner Frau – M.K.), dann weinte auch ich. 'Unser Sohn, unser Sohn', sagte ich." Und dann wechselte sie die Windeln und er machte das Bett, zog couragiert in den Kampf ins Büro, und abends traf man sich wieder zum seligen Aufeinandereinschluchzen... –
Sommerfeld und Lichtmesz analysieren all jene Phobien, die angeblich Rechte befallen und Linke nie, liebevoll widmen sie sich den Ängsten, die immer unbegründet bzw. "geschürt" sind, dem "Gedankengut", das immer rechts ist, dem Hass und der "Menschenverachtung", das eine in der öffentlichen Wahrnehmung so originär "rechts" wie das andere und so fort. Zur Widerlegung des "gängigen Narrativs: daß 'die Rechten' so etwas wie ein homogener, geschlossener Block von frustrierten Querulanten, Provokateuren und 'Abgehängten' seien", zitieren die Autoren "starke Eideshelfer" (Th. Mann), wobei das schönste, decouvrierendste Zitat von Jack Donovan stammt und lautet: "Wenn ein Mann mir versichert, er sei gegen Rassismus oder Sexismus oder Xenophobie oder Transphobie oder was auch immer gerade angesagt ist, dann ist alles, was ich sehe: Angst. Er hat Angst, seinen Job zu verlieren. Er hat Angst, seine Kunden zu verlieren. Er hat Angst, von der Schule geschmissen zu werden. Er hat Angst, von den Medien angeschwärzt zu werden. Er hat Angst, verklagt zu werden. Er hat Angst, sein Haus zu verlieren. Er hat Angst, seine Freundin oder Ehefrau zu verlieren. Er hat die Dienstvorschriften unterzeichnet (...), er kennt die Regeln, und er hat gesehen, was mit denen passiert, die gegen sie verstoßen haben. Viele Männer haben Angst, die Gedanken auch nur zu denken, die zu den Worten führen könnten, die ihnen Ärger einbringen können. Es ist gruslig. Ich verstehe es."
Es ist vor allem immer und immer wieder abstoßend, und öde und langweilig, und so bekam ich denn nach der Hälfte des Buches einen Wutanfall, schmiss das arme Ding in die Ecke, summte mit Johannes Gross: "Links zu sein bedarf es wenig" vor mich hin und schrieb besagte Kurzkritik des o. gen. steppenabholden Tenors, pardon, pardon. Denn selbstverständlich, geneigter Leser, sollten Sie dieses Buch lesen, sofern Sie sich nicht den Luxus leisten können, ohne Linke zu leben, doch wer kann das schon?
(Caroline Sommerfeld/Martin Lichtmesz: "Mit Linken leben", 328 S. Schnellroda 2017, bestellbar hier.) MK am 27. 10. 2017
Mittwoch, 23. August 2017
Wiedergutwerdung
Besonders wichtig war das in Gemengelagen wie zur Zeit des RAF-Terrors. Bevor die linken Ton-Angeber dazu den Mund aufmachten, stellten sie sich erst mal die Frage: Was sagt Böll? Der gute Mensch von Köln war das Leitmedium der 1970er. Was beweist, dass die Abgabe des eigenen Urteilsvermögens an Mediengarderoben wie denen in Hamburg oder Prantlhausen keineswegs ein neuartiges Phänomen darstellt.
Fast 50 Jahre später ist kein weiser alter Häuptling mehr verfügbar, der moralisch Beratungsbedürftige mit der Milch der zivilgesellschaftlichen Denkungsart versorgt. Dafür geigt ein ganzes Orchester aus Politikern, Gewerkschaftern, Medienschaffenden, Kirchenleuten, EEG-Lobbyisten, Klimaapokalyptikern, Islamverstehern, Werterelativierern, Migrationserklärern, Minderheitenbeschützern, Rassismus-Exorzisten und Pressure Groups für jedes nur denkbare Partikularinteresse dem Volk von früh bis spät ins Ohr, was es, das Volk, zu denken habe.
Die Transformation von Deutschland in die moralische Superflowerpowergroßmacht des Planeten, welche alle Mühseligen und Beladenen der Welt mit geöffneten Armen und gezückten Brieftaschen empfängt, gleichzeitig die Renten erhöht und die Lebensarbeitszeit verkürzt, dabei selbstfahrende Elektroautos und preiswerten Wunderstrom einführt, Armutsländer zu blühenden Landschaften promoviert und nebenher passende Toiletten für 71 Geschlechter aufstellt -, diese Erfolgsgeschichte wäre betörend.
Sofern andere Länder nicht vorher beschließen, um Deutschland einen Zaun zu ziehen und das Staatsgebiet per UNO-Resolution zur geschlossenen Anstalt zu erklären.
Wie Schland in diesen Zustand geraten konnte, hat der Autor Markus Vahlefeld in einem scharfsinnig geschriebenen Buch dargelegt, dessen Titel bereits die ultrakurze Inhaltsangabe ist: „Mal eben kurz die Welt retten. Die Deutschen zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung.“ Die Sehnsucht der Deutschen nach „Wiedergutwerdung“ sei es, so Vahlefeld, die sie so gefügig macht für die Akzeptanz offenkundig hirnrissiger Vorstellungen wie die von einer „Energiewende“ mittels Zappelstromerzeugung. Oder für die Annahme, eine Masseneinwanderung von Bildungsfernen aus gescheiterten Staaten mit vormittelalterlichen Bräuchen könnte den hiesigen Lehrlings-, Ärzte-, Ingenieure- und Facharbeitermangel beheben.
Selbst die Tatsache, schreibt der Autor, dass gemäß einer Auswertung der Hamburg Media School von 34.000 Beiträgen zur „Flüchtlingsproblematik“ 82 Prozent positiv aufgeladen waren und nur sechs Prozent dieses Thema problematisiert hatten, könne allein nicht erklären, weshalb große Teile der schonetwaslängerhierlebenden Bevölkerung noch immer, wenn auch vielleicht nur mehr drittelherzig, der Durchhalteparole traut: „Wir schaffen das.“
Nicht mal die den Darbietungen einer Propagandakompanie ähnlichen Berichte öffentlich-rechtlicher Fernsehsender aus der Hochzeit der Flüchtlingsströme – gezeigt wurden vorzugsweise Frauen mit kulleräugigen Kindern, nicht die weitaus überwiegenden Scharen junger, häufig aggressiv auftretender Jungmänner –, nicht mal diese „moralische Generalmobilmachung“ (Vahlefeld) der Medien zugunsten der Kanzlerin hätte für sich genommen bewirken können, dass ein allgemeiner Aufschrei angesichts der sperrangelweit offenen Schotten unterblieb.
Dahinter stecke mehr, meint Vahlefeld. Nämlich eine seit Jahrzehnten von Lehranstalten und Medien in die Gehirne implantierte Vorstellung, die deutsche Geschichte mit Auschwitz habe das Land im späten Ergebnis zu einer Art Besserungsanstalt veredelt, deren Insassen sich ständig mit neuen Guttaten bewähren müssten, nein dürften.
Das sei der tiefere Grund für eine groteske Situation: „Die bis dato nur von linksextremen Splittergruppen zu hörenden Slogans ‚no borders‘ und ‚kein Mensch ist illegal‘ wurden unter einer CDU-Kanzlerin zur offiziellen Regierungspolitik.“ Wer hartleibig insistiere, es gebe „keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“ (Peter Sloterdijk), werde flugs auf die Achse des Bösen verbannt.
Wie ein Exkurs wirkt zunächst Vahlefelds Kapitel über das „linke Denken“. Ein Blick zurück ins Oberstübchen des grünlinken Gesellschaftsverständnisses hilft jedoch, das aktuelle Geschehen im Tollhaus D ansatzweise zu begreifen. Vahlefeld nennt das Etikett linksliberal, das am gegenwärtigen Zeitgeist baumelt, puren Schwindel. Zu Recht: links (staatshörig, gängelungsgeneigt, verbotsverliebt) und liberal (der Freiheit des Individuums gegenüber staatlichen Zumutungen verpflichtet) sind Antagonismen.
Das Wort wurde überhaupt nur geprägt, um den nach Erfolglosigkeit müffelnden Begriff links ein bisschen aufzupeppen.
In Amerika firmieren Linke übrigens nicht als left-wingers, was sie tatsächlich sind, sondern lieber als liberals, wie in dem wunderbar weinerlichen „The Logical Song“ der Collegecombo „Supertramp“ von anno 1979 anzuhören. Auch Al Gore hält sich für einen Liberalen.
Linksliberal (aka weltuntergangsängstlich, stets um alles besorgt, vor allem um die eigene Gesundheit) sei das neue links, schreibt Vahlefeld, nicht zu verwechseln mit dem alten links, das für Arbeit, Fortschritt, Zukunftsoptimismus stand. Linksliberal müsste eigentlich grünlinks heißen, denn Linksliberale hätten diverse Versatzstücke aus dem grünen Fundus gemopst. Etwa die „Kultur des Weniger“, die Anbetung der Ökologie, die Geringschätzung der Freiheit. Die „Quäkeridylle“ (Vahlefeld) der Ökohysteriker, die allem das Primat der Umweltverträglichkeit überstülpen – sogar pupsende Kühe werden auf diese Weise zu Klimaverbrechern – ist von den einstigen Landkommunen-Schraten ausgehend längst tief ins Sozenmiljöh eingesickert.
Ja, die neue Linke – vor allem ihr akademischer Zweig – ist ganz gut darin, Tatbestände durch Sprachregelungen zu verändern, ja auf den Kopf stellen zu wollen. Indem die „herrschende“ Sprache zum bloßen gedanklichen Konstrukt erklärt wird, tut sich mittels semantischer Umtopfung ein weites Feld für neue Deutungshoheiten auf. Vahlefeld erklärt das am Begriff „strukturelle Gewalt“, ersonnen 1969 von einem schwedischen Friedensforscher.
Der stellte dem altmodischen Gewaltbegriff, welcher physische Gewalt meint, die angebliche Gewalt der Strukturen entgegen, welche Menschen daran hindert, so zu sein und zu leben, wie sie’s gerne hätten: „Strukturelle Gewalt ist die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist.“
Wenig erstaunlich, dass in Ländern wie Schweden oder Deutschland große Teile der veröffentlichten Meinung, aber auch ein Teil der so grundierten Richterschaft, kuschelweich mit Straftätern umgehen, die es vorgeblich oder wirklich schwer gehabt haben im Leben. Und selbstredend haben nach schwedischer Lesart neun Zehntel der Weltbevölkerung das unabdingbare Menschenrecht, ihrer strukturellen Gewalt zu entfliehen und sich in Gegenden niederzulassen, die friedlicher, sozialer und klimatisch angenehmer sind.
„Die akademische Linke glaubt“, schreibt Vahlefeld, „mit der Herrschaft über die Begriffe und Worte auch die Herrschaft über die Gesellschaft insgesamt erringen zu können.“
Der Erfolg dieser Bemühungen ist beträchtlich. Man kann das an der Karriere eines Begriffs festmachen. Bei den Strömen von Menschen, die während der Jugoslawienkriege in den 1990ern nach Deutschland kamen (und die sich zu einem erheblichen Teil bis heute nicht wirklich integriert haben), sprachen die Medien noch von „Asylanten“ oder „illegalen Zuwanderern“. Beide Zuschreibungen fallen mittlerweile schwer unter Naziverdacht.
Ab dem Merkel-Dekret 2015 begann sich mediendeckend das Wort „Flüchtling“ pauschal für alle durchzusetzen, die es irgendwie ins Land geschafft haben. Weil das –„ing“ angeblich sächlich-abwertend klang, benutzte eine Reihe von Journalisten bald das Wort „Geflüchtete“, und zwar nicht nur in der „taz“. Neuerdings taucht öfters der frömmelnde Begriff „Schutzsuchende“ auf, welcher den Leser mit der Nase drauf schubsen möchte, um was es verdammt noch mal geht.
Wahrscheinlich ist das aber nicht das Ende der Fahnenstange. Da nun häufiger Fälle publik werden, in denen Menschen vor Schutzsuchenden Schutz suchten - übrigens auch echte Schutzsuchende -, muss was Neues her. Wie wäre es mit „Opfer struktureller Gewalt“?
Vahlefelds eleganter Flug über das Kuckucksnest D (der deutsch-englische Autor, geboren 1966 in Hongkong, kennt seine Adornos, Horkheimers, Blochs, schreibt stringent und kultiviert), hat eine interessante Punktlandung gemacht. Sein auf eigenes Risiko im Selbstverlag publiziertes Buch, das ohne nennenswerte Werbung auskommen musste und noch von keinem großen Medium einer Rezension für wert befunden wurde (kein Wunder bei dem Testat, das er großen Teilen der Medien ausstellt), geriet zum Bestseller. Über 10.000 verkaufte Exemplare in ein paar Monaten – für eine politische Bestandsaufnahme mehr als Ritterschlag.
Wie kommt so was zustande? Ich habe da eine Ahnung. „Mal eben kurz die Welt retten“ ist bei allem Irrsinn, den es auflistet und einordnet, durchaus kein düsteres Deutschland-am-Ende-Werk. Durch die Zeilen schimmert, jedenfalls für mich, irgendwie die Hoffnung, dass Aufklärung etwas bewirken kann. Dass vielleicht nicht alles gut, womöglich aber doch ein bisschen besser werden könnte, als es derzeit möglich scheint. Hier geht’s zur ultimativen Revue des Spätmerkelismus.
Markus Vahlefeld: Mal eben kurz die Welt retten - Die Deutschen zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung, Mai 2017. Erhältlich im Buchhandel, auf amazon oder direkt auf markus-vahlefeld.de
Mittwoch, 9. August 2017
Eigendynamik
"Deshalb sage ich allen, die auf solche Demonstrationen gehen: Folgen Sie denen nicht, die dazu aufrufen! Zu oft sind Vorurteile, ist Kälte, ist sogar Hass in deren Herzen!" Mit diesen Worten reagierte die inzwischen Größte Amtierende Kanzlerin aller Zeiten (GröAmKan*Z) bekanntlich in ihrer Silvesteransprache am 31. Dezember 2014 auf den grölenden Mob von Pegida, der Moscheen, Synagogen und zwergwüchsige Minister angriff, öffentlich die Fahnen praktisch sämtlicher nichtdeutschen Nationen verbrannte und für ungezählte Messerattacken auf vor allem abendlandfeindliche Politiker verantwortlich war. – Angesichts der friedlichen Schweigemärsche moderater Islamisten gegen die Schreckenspolitik bzw. Existenz Israels, veranstaltet am vergangenen Wochenende in Berlin und anderen bunten Städten, übte sich die Kanzlerin in orientalisch weiser Zurückhaltung, wahrscheinlich auch aus Rücksichtnahme auf Recep den Prächtigen und Wolfgang Gedeon.
PS 14.14 Uhr: Nun hat sie sich doch zu Wort gemeldet, elegant und formvollendet wie immer. "Wir wenden uns gegen alle Formen des Antisemitismus und des Fremdenhasses", sagte die Kanzlerin nach einer Sitzung des CDU-Vorstands in Berlin. "Der Staat muss mit allen Mitteln des Rechtsstaats dagegen einschreiten." Merkel sprach von "gravierenden Ausschreitungen". Dass "Strafdelikte in Deutschland verboten" seien, sagte sie diesmal nicht; auch von "Schande" war keine Rede, von Hass und sich davon Fernhalten sowieso nicht. Wer die größte Antisemiten-Importspedition der jüngeren deutschen Geschichte leitet, darf auch keine allzu große Lippe riskieren. Und was die GröAmKan*Z mit "allen Mittel" des unter ihrer Ägide gründlich demolierten Rechtsstaates meint, werden wir in den kommenden Wochen und vor allem Jahren studieren dürfen.
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Dass Feministinnen nicht die allerhellsten Kerzen auf der Menschheitstorte sind, dieser Verdacht ist gelegentlich geäußert und prompt niedergezetert worden, doch die Empirie erledigt mitleidlos ihr beweisführendes Werk. In Stockholm werden jetzt Feministinnen von radikalen Muslimen aus den von letzteren kontrollierten Vierteln vertrieben, denn was wäre eine anständige muslimische Landnahme, wenn diese übergeschnappten Weiber dort unbehelligt ihre gottlose Propaganda treiben könnten?
"Jahrelang kämpften sie für den Zuzug und die Rechte von MigrantInnen, wiesen Kritik am immer radikaleren Islam als Rassismus und Islamophobie zurück und waren überzeugt, Menschen mit völlig anderen Lebensweisen in die westliche Welt ‚hineinstreicheln’ zu können. Ein tragischer Irrtum, wie sich nun herausstellt. Genau von diesen Leuten werden sie jetzt bedroht, als ‚Aufwiegler’ von muslimischen Frauen beschimpft und vertrieben."
Nein, tragisch ist daran wahrlich nichts, denn die Mädels hatten allzeit eine Wahl. Wir befinden uns längst im Satyrspiel.
"Nalin Pekgul ist eine ehemalige Parlamentarierin der linken schwedischen Sozialdemokraten. Sie lebte seit mehr als 30 Jahren unbehelligt in Tensa, einem Vorort Stockholm. Jetzt will sie nur mehr weg. ‚Ich fühle mich hier nicht mehr sicher. Die muslimischen Fundamentalisten haben den Bezirk übernommen und ich kann nicht mehr ins Zentrum gehen, ohne belästigt zu werden. Ich bin dort bekannt, und ich will keine Probleme’, sagte sie." (Mehr hier).
Diese Spinnerinnen bekommen exakt das, was sie bestellt haben; insofern ist auf die willkommenskulturell fellationierten Neumitbürger Verlass. Zuerst nimmt man ihnen ihre angemaßte Klientel weg, danach kommen sie selber an die Reihe. Die frommen Diener Allahs haben wenig übrig für emanzipatorisches Gefuchtel. Der gemeinsame Feind verbindet eben doch weniger, als sich so ein zurechtgegendertes Köpfchen ausmalt. Da die einen sehr viele und die anderen quasi keine Nachkommen haben, muss über den Ausgang dieses Geplänkels nicht weiter spekuliert werden. MK am 11. 12. 2017

