Kaum
ein Tag vergeht, an welchem wir nicht in der Wahrheits- und
Qualitätspresse mit neuen Ungeheuerlichkeiten über den Sexismus weißer
Männer konfrontiert werden. Unter einem mit der Überschrift "Salma Hayek
über Harvey Weinstein: 'Er war mein Monster'" betitelten Artikel – die
Schauspielerin ist dort in einer dezidiert antisexistischen Pose
abgebildet – hat Spiegel online diesen
reizenden Pranger eingerichtet, wo sich der Leser durch die
Belästigungs-Delinquenten aus dem überseeischen Showbiz und der
amerikanischen Politik klicken kann, beginnend mit dem Schauspieler Ben
Affleck, der vor 14 Jahren einer MTV-Moderatorin an die Brust gefasst
und sich dafür entschuldigt hat – "Konsequenzen: keine bekannt"
(Sex-Verbrechen verjähren nie!). Die Rubrik "Konsequenzen" ist
hochinteressant, denn was viele Vorfälle eint, ist die Tatsache, dass
sie welche hatten; in der Regel verlor der Beschuldigte seinen Job, und
zwar ohne Beweisaufnahme oder Gerichtsurteil, nur aufgrund von
Vorwürfen. Für die Zukunft weiblicher Karrieren ist das eine gute
Nachricht. Job nicht bekommen? Ich bin belästigt worden! Rolle bekommen?
Ja, aber erst nachdem ich belästigt worden bin! Kennen Sie den Witz, wo
einer Blondine am Bankschalter mitgeteilt wird, dass ihre Kreditkarte
nicht gedeckt sei? "Hilfe, ich bin vergewaltigt worden!" Sogar den alten
George W. Bush haben sie dort gelistet, der heute 93jährige soll
irgendwann, wahrscheinlich gab es damals die Sowjetunion noch, Frauen
begrapscht haben. Also beim Führer gab es so etwas nicht!
Wissen Sie übrigens, was "wohlwollender Sexismus" ist? Bei der Zeit erfährt
man’s: "Ich bekam zum Beispiel schon oft zu hören, dass Frauen doch so
viel diplomatischer als Männer seien. Oder dass bei Umräumarbeiten im
Büro ausschließlich Männer gebeten werden, Tische zu verrücken." Hier
ist gut zusammengefasst, dass direkt nach der Biologie die Manieren für
den Sexismus verantwortlich sind; deswegen ist es dem eigenen
Vorankommen z.B. an der Universität förderlich, keine zu haben (und
deswegen gibt es wahrscheinlich auch kaum Sexismus unter minderjährigen
unbegleiteten "Flüchtlingen" jedweden Alters).
Wer jetzt nach
einer exakten Definition von Sexismus verlangt, ist wahrscheinlich
männlich, will Frauen mit seinem Herrschaftsanspruch auf vermeintlich
logische Argumentation demütigen und die Dunkelziffer leugnen. Aber wir
haben ja die Fachpresse und das Fachpersonal für solche Fragen! Im Zeit-Interview
gibt die Sozialpsychologin Charlotte Diehl – ausweislich ihres
beigefügten Konterfeis übrigens eine aparte Person, was im neuen Gewerbe
der Belästigungs-Detektorinnen ja eher ungewöhnlich und deshalb aus
sexistischer Sicht festhaltenswert ist – Auskunft: "Sexismus heißt, Sie
reduzieren eine Person auf ihr Geschlecht". Was ich nie getan habe oder
tun würde, ich habe z.B. beim Mauseln, auch wenn es hektisch wurde,
stets gedacht: Vergiss nicht, sie ist Lehrerin, Journalistin, Theologin,
IT-Spezialistin, Grafikerin, Musikerin, Köchin, Ehefrau, die ist sogar
promoviert (kaum zu glauben bei diesem Anblick!). Trotzdem will ich,
sozialpsychologisch unterstützt, die These wagen, die ich einst keck
Alice Schwarzer entgegenschleuderte: Sex ist sexistisch! Gerade wenn er
gut wird! Ohne Sexismus stürbe die Menschheit aus. Aber womöglich bin
ich zu pingelig.
Unsere Sozialpsychologin hat übrigens auch
promoviert, nämlich an der Universität Bielefeld zum Thema, na was
schon?, sexuelle Belästigung. Momentan arbeitet sie an einem Handbuch
"Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz", das sich "speziell an
Personalverantwortliche" richtet. Lauschen wir ihr also, denn sie
verkündet die Zukunft:
"Laut dem Allgemeinen
Gleichbehandlungsgesetz handelt es sich bei jedem unerwünschten
sexuellen Verhalten, das die Würde einer Person verletzt, um sexuelle
Belästigung. Das können Berührungen und Blicke sein, aber auch Worte."
Blicke? Blicke! Die Kollegin trägt ihre Brüste auffällig zur Schau, der
Mann muss hinschauen – erwischt! Abmahnung! Oder sie zeigt gar nichts
zum Hingucken, und er schaut auch nirgendwo hin. Betriebsfriedensziel
erreicht. Wenn er Pech hat, behauptet sie trotzdem: "Kollege K. hat mir
auf die Brust geschaut!" "Aber Frau Prantl-Eckardt, Sie haben doch gar
keine!" Zack, der Chef ist auch mit dran!
"Sexismus entsteht oft,
weil Männer Angst haben, ihre Aufstiegschancen mit Frauen teilen zu
müssen. Und er ist ein Werkzeug, mit dem sie ihre Macht sichern können –
weil sie ihr Gegenüber auf diese Weise einschüchtern. Es kann aber auch
vorkommen, dass dem Kollegen tatsächlich nicht bewusst ist, dass sein
Spruch gerade nicht in Ordnung war. Sexistische Verhaltensmuster sind
oft auch unbewusst."
Frauen können inzwischen Macht erlangen mit
der Unterstellung, Männer versuchten, ihre Macht mit sexistischem
Verhalten zu sichern. Ich will hier keineswegs all den Tölpeln und
plumpen Heinis ein Fest machen, die nicht wissen, wie sie eine Frau
anzusprechen haben. Ich habe einige davon kennenlernen müssen, in den
verschiedensten sozialen Milieus übrigens, und wahrscheinlich war ich
dann und wann selber einer. Aber ich habe nie erlebt, dass die Frauen
sich nicht dagegen zu wehren wussten, und in der Regel steht der Kerl
dann als der Trottel da, der er offenbar ist. Es ist ja keineswegs so,
dass sich "die Männer" gegen "die Frauen" zusammenschließen, auch in der
Werkstatt nicht, sondern sie konkurrieren um deren Gunst. Mit einem
treffenden Satz Martin van Crevelds: "Für jeden Mann, der jemals eine
Frau unterdrückt hat, steht ein anderer bereit, sie zu befreien." Was
wir gerade erleben, ist tatsächlich ein Machtkampf, einige engagierte
Schwestern haben eine ideale Möglichkeit entdeckt, an die Jobs der
Männer zu kommen, nämlich die Denunziation. Dieser Weg ist insofern
ideal, als die Vorwürfe ja auch gelegentlich stimmen – die Kriterien für
sexuelle Belästigung ("Worte", "Blicke") sind in den vergangenen Jahren
dermaßen geändert worden, dass ich nicht "oft" schreiben mag; es ist
wie das immer stärkere Absenken von Grenzwerten bei angeblichen oder
tatsächlichen Umweltgiften. Wer nach oben will, musste zu allen Zeiten
einiges aushalten, aber auch hier wollen einige mittelhochbegabte Mädels
künftig den roten Teppich ausgerollt bekommen. Ich wünsche viel Glück.
Merke: Wer einer Frau ein Kompliment macht oder ihr auch nur an
der Tür den Vortritt lässt, reduziert sie auf ihr Geschlecht und ist
also ein Sexist. Frauen sind dazu geschaffen worden, vom Mast der "Gorch
Fock" zu fallen.
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