Dienstag, 29. August 2017

Proportionen

Wenn man als 60jährige Journalistin noch bei der taz schaffen geht, ist man entweder eine Enthusiastin oder nicht besonders intelligent oder beides zusammen – "Oft vereinet ein Gemüte/Dämlichkeit  mit Herzensgüte" (Wilhelm Busch) –, wovon die bei Maischberger vorgeladene 60jährige taz-Journalistin Bettina Gaus mit dem Statement Zeugnis ablegte:

"Eine Million kann dieses Land gut verkraften. Wenn 83 Leute in einem Raum sitzen und eine Person kommt rein und fragt, ist hier noch Platz, würde kein Mensch sagen: Nein, es ist überfüllt."

Es wäre in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass, erstens, die Alterstruktur derer im Raum nicht ganz unerheblich ist, und es zweitens im gesamten Haus nur wenige Zimmer gibt, die überfüllter sind.
Nehmen wir beides, Altersstruktur und Alltagsgedränge, kurz unter die Lupe, um uns die Proportionen zu veranschaulichen:

„In einer postrechtsstaatlichen Gesellschaft, in der gewaltsame Fehden ausgetragen werden, spielt die absolute Zahl der Menschen keine Rolle mehr. In der Demokratie hat jeder Bürger eine Stimme, wie schwach und inkompetent er auch sein mag, und vor dem Gesetz sind alle gleich. In der Tribalgesellschaft ist dies anders. Hier kommt es darauf an, starke, handlungsfähige, kampfbereite Verbündete zu gewinnen, und da zählt ein junger Krieger mehr als eine alte Frau.

In Deutschland gibt es zur Zeit etwa 5 Millionen junge Männer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren. Zieht man davon eine Million Männer mit 'Migrationshintergrund' ab, so bleiben 4 Millionen ethnisch deutsche Männer. Die Einwanderung von jungen Männern aus Tribalgesellschaften beträgt zur Zeit etwa 800.000 Personen im Jahr. Dies bedeutet, daß in fünf Jahren etwa ebenso viele tribalgesellschaftliche junge Krieger in Deutschland leben werden, wie es deutsche Männer in ihrer Altersgruppe gibt. Der quantitative Effekt der Einwanderung auf die indigene Bevölkerung ist also weit höher, als wenn man nur die absolute Zahl der Einwanderer (1 Million) in Bezug setzt zur Gesamtbevölkerung (80 Millionen), was im Jahr nur 1,25 % sind.

Allerdings bedeutet dies nicht, daß sich innerhalb von nur fünf Jahren gleich große Bürgerkriegsarmeen gegenüberstehen werden. Die Einwanderer entstammen zwar Tribalgesellschaften und verfügen über die entsprechende Aggressivität, doch kommen sie aus sehr verschiedenen Gesellschaften, d. h. sie bilden keinen einheitlichen 'Stamm', auch wenn sie (etwa als sunnitische Muslime) bestimmte kulturelle Gemeinsamkeiten haben. Was ihnen jedoch fehlt, ist eine umfassende Organisation. Sie sind daher trotz ihrer Größe nicht zu einem koordinierten Angriff fähig, während die nationalen Sicherheitsbehörden (Polizei, Bundeswehr) dazu durchaus in der Lage sind. Eine generelle Erfahrung komplexer Gesellschaften lautet, daß militärisch gut organisierte Minderheiten in der Lage sind, größere Mehrheiten zu beherrschen, solange es gelingt, diese desorganisiert zu halten. Eine militärische Machtübernahme von Islamisten ist daher nicht zu erwarten.

Statt dessen aber ist der Rückzug des Rechtsstaats aus der Regelung von Alltagskonflikten sehr wahrscheinlich. Die Existenz und Legitimität des Rechtsstaats beruht letztlich auf seiner nicht in Frage gestellten Selbstverständlichkeit. Diese wird im multitribalen Kontext aber aufgelöst, und es entsteht eine merkwürdige Gemengelage unterschiedlicher normativer Orientierungen. So kann man (in der heutigen Anfangsphase der Auflösung des Rechtsstaats) beobachten, daß dieser seine feinsinnigen, auf eine hochgradig integrierte und befriedete Gesellschaft eingestellten Regeln auch auf Situationen anwendet, die nahe am Bürgerkrieg liegen. So gibt es bei Gesetzesverstößen das Institut der Bewährungsstrafe, das von der Annahme ausgeht, die Regelverletzung sei ein reversibler Irrweg, und man dürfe dem Verletzer nicht den 'Rückweg' in die normale soziale Existenz verbauen. Wenn man diese Bewährungsstrafe auf einen Delinquenten aus einer Tribalgesellschaft anwendet, wird er dies als Freispruch und damit als Ausdruck von Schwäche interpretieren. Er muß sich nicht 'bewähren', denn seine ‚Integration’ in die eigene Gesellschaft hat er nie verloren. Die deutsche rechtsstaatlich geprägte Gesellschaft ist für ihn dagegen bloßes Beutegebiet, auf das er umso entschlossener zugreifen wird, je schwächer der Widerstand ist."

(Rolf Peter Sieferle, „Das Migrationsproblem“, S. 114-115, zitiert nach  Acta Diurna 5. 10. 2017)

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