"Kein Losungswort ist seit dem Jahre 1500 so viel mißbraucht worden wie
das Wort „Freiheit“: in der Zeit der Reformation, der Französischen
Revolution, des Liberalismus Europas und Amerikas, in den Schlagzeilen
der Sowjetzone. Es gab dem natürlichen Bedürfnis des Menschen Ausdruck,
in seiner Existenz als Individuum zu tun, was ihm gefällt. Es war das
Schlagwort des Kampfes von Individuen gegen eine bindende, einengende
Gruppe, gegen eine Familie, einen Stand oder im Kampf einer sozialen
Schicht gegen eine zwingende höhere Gemeinschaft. Aber es wurde seltener
deutlich – wohl allerdings bei Kant, Fichte, Chamberlain, Jaspers -,
daß es keine absolute Freiheit gibt, sondern nur ein Gleichgewicht
zwischen Freiheit und Bindung.
Für das Leben eines Individuums
ist die Freiheit der Bewegung ebenso notwendig wie die Bindung an ein
Elternhaus. Die Freiheit der persönlichen Schöpfung im Denken, Fühlen
und Gestalten ist ebenso wichtig wie die Bindung dieser Vorgänge an eine
Gemeinschaft, die mitwirkt und durch ihren Widerhall mitgestaltet.
Von
diesem Gleichgewicht, von dieser lebensnotwendigen Polarität müssen wir
ausgehen, der Polarität zwischen Bewegungsfreiheit und
Ortsgebundenheit, Denkfreiheit und Denkausrichtung durch die
Gemeinschaft, zwischen Individuum und Genossenschaft, zwischen
schöpferischer Freiheit des Gestaltens und den Formen der Tradition,
zwischen der Willkür des Handelns der Individuen oder der Gruppen und
dem Widerhall, dem Miterleben durch die höhere Gemeinschaft. Die
Existenz des Menschen umfaßt beide Pole; sein Leben entzündet sich durch
die Energien, die von dem einen Pol zum anderen strömen: Freiheit und
Gebundenheit.“ – Gottwalt Christian Hirsch
Mittwoch, 3. Juni 2026
Verbundenheit ist genauso wichtig wie Freiheit
Montag, 1. Juni 2026
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