Dienstag, 12. September 2017

La condition humaine européenne

"In England ist alles erlaubt, außer dem, was verboten ist. In Deutschland ist alles verboten, außer dem, was erlaubt ist. In Italien ist alles erlaubt, auch das, was verboten ist." Piero Angela


Piero Angela ist ein Wissenschaftsjournalist aus Turin, also ein Piemonteser, wie Umberto Eco. Er lebt in Frankreich und arbeitet für das italienische staatliche Fernsehen. Er gehört zu den wenigen, die nie fürs Privatfernsehen gearbeitet haben und hat mittlerweile 20 Ehrendoktortitel.

Zu Piero Angelas humorvoller, kluger Beobachtung gibt es eine bemerkenswerte, paradox anmutende Entsprechung in der "Antipsychiatrie", die sich wie ein Negativ von Angelas Bild unter die Lupe nehmen lässt:

In Großbritannien experimentierte der Psychiater Ronald D. Laing sehr gescheit und konsequent, aber viel zu abstrakt, mit dem Relativismus und mit Sartres "dialektischer Vernunft". Ohne dabei größeren Schaden anzurichten und ohne wirklich große Fortschritte zu erzielen.

In Italien verwirklichte der pragmatische Franco Basaglia hingegen eine wichtige Reform.

In Deutschland, wo in den Medien generell sehr wenig, und kaum mal seriös, über Psychiatrie informiert wird, das Thema insgesamt eher gemieden wird (vor allem von Angelas Kollegen Harald Lesch, Dirk Steffens und Ranga Yogeshwar) und der große Karl Jaspers immer noch nicht die ihm gebührende Beachtung findet, kam es zu den grauenhaft verbohrten Ideologisierungen des Sozialistischen Patientenkollektivs in Heidelberg, aus dem dann prompt auch Terroristen hervorgingen, die auch noch besonders engstirnig gewesen zu sein scheinen. Jedenfalls sahen die Suchbilder, die nach dem Überfall auf die Stockholmer Botschaft in den Postämtern hingen, danach aus; das weiß ich sogar heute noch.

What makes us ill

Zu diesen Unterschieden in der Psychiatrie gehören bemerkenswerte Unterschiede in der Normalität, die ein Witz veranschaulichen kann, der mir in Sizilien erzählt wurde.

Ein Verstorbener gelangt in die Vorhalle der Hölle, wo ringsum die Wand von Türen unterbrochen wird, die in die diversen Höllenabteilungen führen. Er klopft an die Tür der Englischen Hölle. Man öffnet ihm und fragt, was er wünsche.
Er erkundigt sich, was ihn in der englischen Hölle denn erwarte. "Peitschen, Steinigungen, siedendes Öl, Waterboarding...".
Erschreckt wendet er sich ab, nein danke, die Tür schließt sich wieder. Nun klopft er an die Deutsche Hölle, man öffnet ihm, er erkundigt sich. Von ferne hört er gequältes Schreien.
Die Antwort auf seine Frage ist jedoch genau dieselbe, wenngleich die Auskunft diesmal mit besonderer Höflichkeit erteilt wird. "Peitschen, Steinigungen, siedendes Öl, Waterboarding...".
Er zuckt zurück und beeilt sich wegzukommen.
Jetzt gelangt er vor den Eingang zur Italienischen Hölle und klopft an deren Tür.

Man öffnet einen Spalt breit, mustert ihn einige Zeit und fragt dann voller Argwohn, was er wolle... Er wolle wissen, was ihn hier erwarte, sagt er. Nach einigem Zögern erhält er als Antwort die übliche Aufzählung erweitert um einige zusätzliche Unannehmlichkeiten:

"Peitschungen... Steinigungen... siedendes Öl... Waterboarding... Daumenschrauben... Kreuzigungen... Vergewaltigungen... Enthauptungen... Erhängungen..." (im Hintergrund hört man Gelächter und Musik).

"Peitschen, Steinigungen, siedendes Öl, Waterboarding...??? Und warum grinsen Sie so, und was soll das blöde Gelächter???" "Ja wissen Sie, manchmal fehlen die Peitschen, manchmal sind nicht genug Steine da, mal ist das Öl knapp, mal das Wasser...".


Gemeinsam ist diesen drei Betrachtungen eine Relativierung des subjektiven Normalitätsbegriffs.

ERROR COMVNIS FACIT IVS

Man hilft sich angesichts der Willkür, die dem Normalitätsbegriff zugrunde zu liegen scheint, am besten aus der Patsche, indem man feststellt, dass:

1. - im Universum das Leben eine Ausnahme darstellt und das Wahrscheinlichste - und somit das Normale - eigentlich der Tod ist
2. - im Bereich des Lebens das die Umgebung wahrnehmende, erfahrende, erinnernde und entscheidungsmächtige Leben gegenüber rein reaktivem Leben wiederum eine Ausnahme darstellt
3. - im Bereich des entscheidungsmächtigen Lebens das sich selbst bewusste Leben eine Ausnahme darstellt
4. - in der bewussten Lebensform Mensch das gesunde Leben eine weitere Ausnahmesituation darstellt
5. - in einem gesunden Menschenleben, der gesunde Menschenverstand (von dem Ralph Waldo Emerson sagte, er sei so selten wie Genie), die Klugheit und die Weisheit wiederum eine Ausnahme sind
6. - Klugheit und Weisheit ausnahmsweise auch mal einen Heiligen als unwahrscheinlichste aller Lebensformen hervorbringen können (ein guter Mensch ist nicht jemand, der nie anderen schadet, sondern jemand, der sich des Schadens, den er verursacht, bewusst ist oder wird und daraufhin versucht, wieder gut zu machen, zu heilen)

Heil an Leib und Seele zu sein ist also nicht normal, sondern die ganz große Ausnahme.



Im Judentum ist „קדוש“ (hebräisch kaddosch, „heilig“) ein Wort, das vor allem die einfache Bedeutung von „besonders, außergewöhnlich“ oder „das Besondere, Außergewöhnliche“ hat und damit im Gegensatz zu profan (im Sinne von „weltlich, normal, alltäglich“) steht.
„Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin Ich, der Ewige, euer Gott.“
– (3 Mos 19,2 EU)


Holyness ist im Grunde nichts anderes als Wholeness, Heiligkeit ist eigentlich nur Ganzheit. Die "Vervollkommnung" ist also nur das Ergebnis eines ständigen Reparaturprozesses im Reich der Entropie. Und selbst dieses Ergebnis wird nie erreicht, so sehr wir auch danach streben. Es existiert im besten Fall als Idee und Leitmotiv, solange wir uns in der Vergänglichkeit aufhalten und noch nicht vergangen sind. Das eigentlich Menschliche ist die UNZULÄNGLICHKEIT, und das Menschlichste ist vielleicht, sie anzuerkennen, anzunehmen und zu verzeihen und dennoch zu versuchen, ihrer Herr zu werden, wenigstens der eigenen.

Dienstag, 5. September 2017

Emirat Sizilien



 "Italien ist das Land, wo die kürzeste Linie zwischen zwei Punkten eine Arabeske ist." Ennio Flaiano

"Italien ist das Arabien des Nordens" Tarak Ben Ammar




Am Tag, als Israel das Gründungsjubiläum seiner Staatsgründung feierte, sagte der Gatte der florentinischen Rabbinatssekretärin zu mir "Das einzige arabische Land, das damals nicht angriff, war Sizilien".

Binnu u Tratturi und Bin Laden haben mehr gemeinsam als man sich nördlich der Alpen träumen oder sagen lassen können möchte.

Montag, 4. September 2017

Wüstenweisheit



 "Peter Brötzmann ist ein Muezzin in einer Wüste aus Stein." kommentierte in den 80-er Jahren Alexander von Schlippenbach


Thomas Schmid

Sonntag, 3. September 2017

Gebranntes Kind mied Feuer und ertrank


"Ein ständiges Starren auf die Gestalt, worin sich das Unheil in der Vergangenheit gezeigt hat, verhindert am sichersten, daß man es beim nächsten Mal, in seiner neuen Gestalt, wiedererkennt."  Jürgen Große




Alice im Gespensterland

Freitag, 1. September 2017

Niedertracht und Deformation

Der Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Konzerns und Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, Mathias Döpfner, nutzte die Jahrestagung des Verbandes, um wahre Breitseiten gegen die öffentlich-rechtlichen Sender abzufeuern. Zusammengefaßt lauteten sie: Die „gebührenfinanzierte Staats-Presse“ nehme den privaten Medien „Entfaltungsmöglichkeiten“, wodurch das duale System ins Wanken gerate. Das sei nicht „im Interesse von Demokratie und Rechtsstaat“, denn erst Wettbewerb und die Konkurrenz ließen Meinungspluralismus entstehen. „Nur Staatsfernsehen und Staatspresse im Netz – das wäre eher etwas nach dem Geschmack von Nordkorea.“
Billig war die Retourkutsche der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, die von „Fake News“ sprach. Döpfner hat die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks tendenziell richtig eingeschätzt, doch betreibt auch er ein falsches Spiel, wenn er die privaten Medien als funktionierendes Korrektiv hervorhebt.

In den relevanten Fragen und Debatten der letzten Jahre – Ukraine- und Krim-Krise, Putin, Syrien, Freihandel, Refugees-Welcome-Kampagne, Trump-Wahl, Sarrazin, Sieferle – bildeten die staatlichen und privaten Medien eine politisch-ideologische Einheitsfront.

Gerade in der Freund-Feind-Kennung herrscht absolute Einigkeit. Und die mit der AfD befaßten Journalisten gleichen durchweg einer Meute scharfgemachter Kampfpinscher. In formellen Bündnissen wie dem Rechercheverbund der Süddeutschen Zeitung, dem NDR und WDR zeichnen sich die künftigen medienpolitischen Konturen bereits ab.
Döpfner spricht ebenfalls die Sprache des Mainstreams, wenn er dazu aufruft, den „rechten Hetzern die Verschwörungstheorie von der Political-Correctness-Mafia zu zerstören“, und dekretiert, „rechtsradikale Haltungen sind aus gutem Grund ein Tabu seit ’45, und sie zu brandmarken, gehört zur Staatsräson“. Sein Anliegen besteht lediglich darin, daß der Kuchen in seinem Sinne gerechter verteilt wird.

Der Alt-68er und Springer-Journalist Thomas Schmid hat kürzlich angemerkt, hinter dem journalistischen Gleichklang stecke „keine Absicht, kein Plan. Es ist auch keine Machenschaft. Vielmehr sind Bequemlichkeit, Opportunismus, Herdentrieb und der feste Wille am Werk, keinesfalls in gedankliche Sphären vorzudringen, in denen es ungemütlich werden könnte.“

Thomas Hoof, Verleger des Sieferle-Buches „Das Migrationsproblem. Masseneinwanderung und Sozialstaat“, bescheinigte ihm in einem offenen Brief, mit wenigen Strichen den „Mitläufer“ als „den journalistischen Normalfall“ gezeichnet zu haben. Dieser sei einer „Personalakquise geschuldet, mit der offenbar nur herdentriebhafte, bequeme, gedankenarme und opportunistische, kurz: mitläuferische Nachwuchskräfte rekrutiert“ wurden.
Ihre gängigen Mittel seien das „Totschweigen und Skandalisieren“, wie der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger in dem gleichnamigen Buch analysiert hat. Kepplinger widmet sich unter anderem den irreführenden Darstellungen von Ausschreitungen am Rande von Pegida-Kundgebungen. Die Gewalt ging klar von Gegendemonstranten aus, doch Schlagzeilen wie „Festnahmen bei Pegida-Demonstrationen“ suggerierten, daß Pegida-Anhänger dafür verantwortlich gewesen seien.
Zwar lehnt eine Mehrheit der Journalisten solche Praktiken in der Theorie ab, doch eine relevante Minderheit, nämlich ein Viertel, hält sie entschieden für legitim, und zwar mit der Begründung, daß „die Pegida-Kundgebungen (…) der eigentliche Grund für die Ausschreitungen waren“. Diese Minderheit war und ist keineswegs isoliert, sondern stößt in ihrer Berufsgruppe auf breites Verständnis und findet sogar Unterstützung durch unterlassene Richtigstellungen, durch Rechtfertigungen oder vordergründig neutrale Berichte, die die Schuldfrage offenlassen.

Im Zweifelsfall überwiegen der Korpsgeist und das gemeinsame Interesse an der Aufrechterhaltung der Deutungshoheit. Zudem befanden die Fälscher sich seinerzeit im Einklang mit führenden Politikern, die ein „hartes“ Vorgehen gegen die Protestbewegung forderten. Auf diese Weise erzielten die Falschdarstellungen „Hebelwirkungen“ und setzten sich in der öffentlichen Wahrnehmung durch.
Das ist gewollt! Der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger (JF 18/16) hat in zwei Büchern – „Meiungsmacht“ und „Mainstream“ – die engen Verbindungen von Alpha-Journalisten zu politischen Netzwerken nachgewiesen. Unterbelichtet bleiben gewöhnlich die Auswirkungen der konkreten Besitzverhältnisse der Medien und die zunehmende Pressekonzentration.
Noch einmal Döpfner: Der Chef eines der größten Medienhäuser Europas ist laut Wikipedia auch Mitglied des International Advisory Council der RCS Media Group, seit Mai 2014 im Board of Directors von Warner Music und seit 2015 Chairman of the Board of Directors bei Business Insider Inc., USA. Zu seinen Mandaten in Non-Profit-Organisationen zählen Mitgliedschaften in den Aufsichtsgremien des European Publishers Council (EPC), der American Academy in Berlin, dem American Jewish Committee und Mitglied im Global Board of Advisors des US-amerikanischen Think Tanks Council on Foreign Relations. Döpfner ist Mitglied des Vereins Atlantik-Brücke, dessen ‘Young Leader’-Programm er abgeschlossen hat. Er war Kuratoriumsmitglied des Berliner Aspen-Instituts, weiterhin war er ein Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz 2015.

Er ist ein idealtypischer Multifunktionär, in dem sich geschäftliche, politische, ökonomische, ideologische Interessen bündeln, wobei die transatlantischen Verbindungen besonders auffallen. Ohne dieses Interessenbündel sind die Wirkungsabsichten und -strategien des von ihm geleiteten Konzerns nicht zu erklären. Ähnliches ließe sich auch bei Bertelsmann, Burda und anderen großen Medienhäuser darstellen, die den deutschen Medienmarkt unter sich aufgeteilt haben.
Zugleich sind sie Teil einer auf Globalisierung ausgerichteten Wirtschaft und teilen damit das wirtschaftliche und politische Interesse an der Einebnung nationalstaatlicher Grenzen und Eigenheiten. Was von ihren Medien als „rechts“ – ehedem die Bezeichnung für eine höchst ehrenwerte Gesinnung – stigmatisiert wird, ist die Verteidigung von Strukturen, die die Globalisierung hemmen: Familie, Region, Staat, kulturelle Distinktion, Volkssouveränität.
Vor diesem Hintergrund wäre es zu einfach, das Mitläufertum von Journalisten ausschließlich auf subjektives Versagen wie ideologische Verblendungen zurückzuführen. Journalisten sind abhängige Lohnarbeiter, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Ihre Produkte, Wort- und Bildbeiträge, sind Waren, die – in der marxistischen Terminologie – einen Gebrauchs- und einen Tauschwert besitzen.

Der Gebrauchswert meint den individuellen oder gesellschaftlichen Nutzen. In dem Fall besteht er nach den Worten Döpfners darin: „Journalismus ist der Scheinwerfer der Aufklärung oder, eine Nummer kleiner, zumindest die Taschenlampe des mündigen Bürgers“, dieses „wahren Souveräns der Demokratie“. Noch pompöser ausgedrückt: Er ist ihre vierte Säule!
Doch die Praxis sieht anders aus. In der sogenannten Flüchtlingskrise hat sich der wahre Zustand des Staates, der Demokratie und der Medien enthüllt: Die Merkel-Exekutive errichtete eine „Herrschaft des Unrechts“ (Horst Seehofer), die Legislative und die Judikative sahen tatenlos zu, während die Medien jubelten. Ihr Gebrauchswert bestand in der Irreführung, Manipulation und Einschüchterung.
Die Frage, warum die meisten sich vom Irrsinn korrumpieren lassen, beantwortet sich mit dem Hinweis auf den Tauschwert. Er bezeichnet die Gegenleistung, die Entlohnung, die man für sein Produkt erhält. Dieser wird in komplexen Gesellschaften von den Zwischenhändlern – in diesem Fall: von den monopolistischen Medienkonzernen – festgelegt.

Georg Lukács hat in seinem 1923 erschienenen Buch „Geschichte und Klassenbewußtsein“ den Einfluß der Produktions- und Besitzverhältnisse auf die Psyche des Arbeiters – also auch des Medienarbeiters – in mustergültiger Weise dargelegt. Der Zwang des Gebrauchs- und Tauschwerts schreibt sich „immer tiefer, immer schicksalhafter und konstitutiver in das Bewußtsein“ ein, so daß die Arbeitskraft sich von der Persönlichkeit abspaltet und die Individualität und der Eigensinn zu Fehlerquellen werden, die ausgetrocknet werden müssen.
Der Arbeiter wird zum einflußlosen Zuschauer seiner Entfremdung. „Am groteskesten zeigt sich diese Struktur im Journalismus, wo gerade die Subjektivität selbst, das Wissen, die Ausdrucksfähigkeit zu einem abstrakten“, von den Schreibern und „von dem materiell-konkreten Wesen der behandelten Gegenstände“ losgelösten „Mechanismus“ verkommen.
„Die ‘Gesinnungslosigkeit’ der Journalisten, die Prostitution ihrer Erlebnisse und Überzeugungen ist nur als Gipfelpunkt der kapitalistischen Entfremdung begreifbar.“ Maximal möglich sind noch ein Virtuosentum und ein Eskapismus, die an der Oberfläche kratzen – gleichgültig, ob jemand in einem staatlichen oder privaten Medienkonzern tätig ist. Die Totschweiger, Skandalisierer, Faktenfälscher – sie sind auch objektiv Deformierte und verdienen als solche Nachsicht.  Thorsten Hinz