Mittwoch, 8. November 2017

Einst, jetzt & einst

Zur Gattung Anekdote. Im Grunde handelt es sich bei diesem Genre um die Sage im Zeitalter der schreibfähigen Augenzeugen. Der überlieferte Kern stimmt immer – man würde eine Überlieferung, die nicht mit dem Charakter der Person korrespondiert, schwerlich glauben –, aber eine gute Anekdote lebt mindestens ebenso sehr von der fiktiven, stets das Typische vergrößernden literarischen Ausschmückung. Da sie etwas Typisches zum Ausdruck bringen, stimmen Anekdoten immer; jede gehört in die Kategorie Das-hätte-so-geschehen-sein-können.

Während Anekdoten dem Historiker oder Biographen Winke geben, denen er vertrauen darf, führen ihn Mutmaßungen der Zeitzeugen über das, was hinter den verschlossenen Türen der prominenten historischen Gestalt geschah, verlässlich oft auf die falsche Fährte. Joachim Fest hat zum Wert solcher vertraulichen Spekulationen ein amüsantes Beispiel erzählt, das selber schon wieder eine Anekdote ist.

In einer Unterhaltung mit Hitlers Vertrautem und späterem Auslandspressesprecher Ernst ("Putzi") Hanfstaengl habe er, so Fest, das Gespräch auf das Sexualleben des Führers gelenkt, ein Thema, zu dem keine Quellen existieren und bei dem niemals jemand über die Mutmaßung hinausgekommen ist. "Wissen Sie, Hitler war ein Egomane, er war der geborene Onanist, der konnte nicht einmal das bisschen Zuwendung aufbringen, das für den Geschlechtsakt nötig ist", habe Hanfstaengl erklärt. Eva Braun sei zeitlebens unberührt geblieben. Darauf Fest: "Woher wissen Sie das?" Hanfstaengl versetzte: "Wenn Sie 12, 13 Jahre lang fast täglich mit jemandem zusammen sind, müssen sie nicht die Lampe gehalten haben, um das zu wissen, das weiß ich eben."

Dieselbe Frage, erzählte Fest weiter, habe er Albert Speer gestellt. Der Rüstungsminister gehörte wie Hanfstaengl zu den engsten Vertrauten Hitlers (mehr als das; "Sie sind Hitlers unglückliche Liebe", soll dessen Bürochef Karl Maria Hettlage zu Speer gesagt haben). Speer habe geantwortet: "Das ist doch ganz einfach, der war ein Mann und musste irgendwie seinen Hormonhaushalt regulieren, der hat natürlich ständig mit ihr geschlafen." Wiederum erkundigte sich Fest: "Woher wissen Sie das?", und neuerlich bekam er zur Antwort: "Wenn man 12, 13 Jahre lang fast täglich mit jemandem zusammen ist, dann weiß man das einfach."  Klonovsky am 13. 8. 2017

Sonntag, 5. November 2017

Ich fühle, also denke ich

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und die Königsberger Klopse in mir.“ Immanuel Kant


 Es heißt Publico und ist seit gestern online.

In fünf überschaubaren Rubriken – Politik & Gesellschaft, Medien & Kritik, Spreu & Weizen, Hausbesuch, Fake News – offeriert der Autor seine Texte. Einer, der Aufmacher sozusagen, widmet sich der Berliner innerstädtischen Verwahrlosung, die noch weit zügiger voranschreitet als der Bau des Flughafens Schönefeld, und endet in der reizenden Conclusio: "Es ist faszinierend zu sehen, wie Angela Merkel und ihre Bediensteten über einen Marshallplan für Afrika nachdenken – unter anderem – während die zuständigen staatlichen Stellen nicht einmal kleinste Areale sicherheitstechnisch in den Griff bekommen, die selbst unter Umständen des Berliner Baustellenumfahrungsverkehrs nur 30 Autominuten vom Kanzlerinnenschreibtisch entfernt liegen."

Das erste Publico-Interview führte Wendt mit dem Berliner Historiker Jörg Friedrich, der unter anderem ein opulentes Buch über den Koreakrieg geschrieben hat und angesichts der drohenden Fortsetzung desselben – also nicht des Buches, sondern des Krieges – auf die Frage: "Nehmen wir einmal an, Sie wären Sonder-Sicherheitsberater von Präsident Trump in der Korea-Frage. Was würden Sie ihm raten?" antwortet: "Raten? Ich würde darauf hinwirken, dass er verhaftet wird. Immerhin hat er Nordkorea vor der UN-Vollversammlung mit der völligen Vernichtung gedroht. Das heißt, er würde im Ernstfall 25 Millionen Menschen pulverisieren."

Höre ich als Trumpianer nicht gern, muss aber mal gesagt werden.  MK am 7. 11. 2017

Vernunft kommt von vernehmen! Und in der Tat, mehr noch als zu Kant und Clausewitz empfinde ich eine tiefe seelische Verwandtschaft zu einem von Kants Freunden, dem beim preussischen Zoll als Übersetzer tätigen Johann Georg Hamann.