Der Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Konzerns und Präsident des
Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, Mathias Döpfner, nutzte die
Jahrestagung des Verbandes, um wahre Breitseiten gegen die
öffentlich-rechtlichen Sender abzufeuern. Zusammengefaßt lauteten sie:
Die „gebührenfinanzierte Staats-Presse“ nehme den privaten Medien
„Entfaltungsmöglichkeiten“, wodurch das duale System ins Wanken gerate.
Das sei nicht „im Interesse von Demokratie und Rechtsstaat“, denn erst
Wettbewerb und die Konkurrenz ließen Meinungspluralismus entstehen. „Nur
Staatsfernsehen und Staatspresse im Netz – das wäre eher etwas nach dem
Geschmack von Nordkorea.“
Billig war die Retourkutsche der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, die
von „Fake News“ sprach. Döpfner hat die Rolle des öffentlich-rechtlichen
Rundfunks tendenziell richtig eingeschätzt, doch betreibt auch er ein
falsches Spiel, wenn er die privaten Medien als funktionierendes
Korrektiv hervorhebt.
In den relevanten Fragen und Debatten der letzten
Jahre – Ukraine- und Krim-Krise, Putin, Syrien, Freihandel,
Refugees-Welcome-Kampagne, Trump-Wahl, Sarrazin, Sieferle – bildeten die
staatlichen und privaten Medien eine politisch-ideologische
Einheitsfront.
Gerade in der Freund-Feind-Kennung herrscht absolute Einigkeit. Und
die mit der AfD befaßten Journalisten gleichen durchweg einer Meute
scharfgemachter Kampfpinscher. In formellen Bündnissen wie dem
Rechercheverbund der Süddeutschen Zeitung, dem NDR und WDR zeichnen sich die künftigen medienpolitischen Konturen bereits ab.
Döpfner spricht ebenfalls die Sprache des Mainstreams, wenn er dazu
aufruft, den „rechten Hetzern die Verschwörungstheorie von der
Political-Correctness-Mafia zu zerstören“, und dekretiert,
„rechtsradikale Haltungen sind aus gutem Grund ein Tabu seit ’45, und
sie zu brandmarken, gehört zur Staatsräson“. Sein Anliegen besteht
lediglich darin, daß der Kuchen in seinem Sinne gerechter verteilt wird.
Der Alt-68er und Springer-Journalist Thomas Schmid hat kürzlich
angemerkt, hinter dem journalistischen Gleichklang stecke „keine
Absicht, kein Plan. Es ist auch keine Machenschaft. Vielmehr sind
Bequemlichkeit, Opportunismus, Herdentrieb und der feste Wille am Werk,
keinesfalls in gedankliche Sphären vorzudringen, in denen es ungemütlich
werden könnte.“
Thomas Hoof, Verleger des Sieferle-Buches „Das Migrationsproblem.
Masseneinwanderung und Sozialstaat“, bescheinigte ihm in einem offenen
Brief, mit wenigen Strichen den „Mitläufer“ als „den journalistischen
Normalfall“ gezeichnet zu haben. Dieser sei einer „Personalakquise
geschuldet, mit der offenbar nur herdentriebhafte, bequeme, gedankenarme
und opportunistische, kurz: mitläuferische Nachwuchskräfte rekrutiert“
wurden.
Ihre gängigen Mittel seien das „Totschweigen und Skandalisieren“, wie
der Medienwissenschaftler Hans Mathias Kepplinger in dem gleichnamigen
Buch analysiert hat. Kepplinger widmet sich unter anderem den
irreführenden Darstellungen von Ausschreitungen am Rande von
Pegida-Kundgebungen. Die Gewalt ging klar von Gegendemonstranten aus,
doch Schlagzeilen wie „Festnahmen bei Pegida-Demonstrationen“
suggerierten, daß Pegida-Anhänger dafür verantwortlich gewesen seien.
Zwar lehnt eine Mehrheit der Journalisten solche Praktiken in der
Theorie ab, doch eine relevante Minderheit, nämlich ein Viertel, hält
sie entschieden für legitim, und zwar mit der Begründung, daß „die
Pegida-Kundgebungen (…) der eigentliche Grund für die Ausschreitungen
waren“. Diese Minderheit war und ist keineswegs isoliert, sondern stößt
in ihrer Berufsgruppe auf breites Verständnis und findet sogar
Unterstützung durch unterlassene Richtigstellungen, durch
Rechtfertigungen oder vordergründig neutrale Berichte, die die
Schuldfrage offenlassen.
Im Zweifelsfall überwiegen der Korpsgeist und das gemeinsame
Interesse an der Aufrechterhaltung der Deutungshoheit. Zudem befanden
die Fälscher sich seinerzeit im Einklang mit führenden Politikern, die
ein „hartes“ Vorgehen gegen die Protestbewegung forderten. Auf diese
Weise erzielten die Falschdarstellungen „Hebelwirkungen“ und setzten
sich in der öffentlichen Wahrnehmung durch.
Das ist gewollt! Der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger (JF
18/16) hat in zwei Büchern – „Meiungsmacht“ und „Mainstream“ – die engen
Verbindungen von Alpha-Journalisten zu politischen Netzwerken
nachgewiesen. Unterbelichtet bleiben gewöhnlich die Auswirkungen der
konkreten Besitzverhältnisse der Medien und die zunehmende
Pressekonzentration.
Noch einmal Döpfner: Der Chef eines der größten Medienhäuser Europas
ist laut Wikipedia auch Mitglied des International Advisory Council der
RCS Media Group, seit Mai 2014 im Board of Directors von Warner Music
und seit 2015 Chairman of the Board of Directors bei Business Insider
Inc., USA. Zu seinen Mandaten in Non-Profit-Organisationen zählen
Mitgliedschaften in den Aufsichtsgremien des European Publishers Council
(EPC), der American Academy in Berlin, dem American Jewish Committee
und Mitglied im Global Board of Advisors des US-amerikanischen Think
Tanks Council on Foreign Relations. Döpfner ist Mitglied des Vereins
Atlantik-Brücke, dessen ‘Young Leader’-Programm er abgeschlossen hat. Er
war Kuratoriumsmitglied des Berliner Aspen-Instituts, weiterhin war er
ein Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz 2015.
Er ist ein idealtypischer Multifunktionär, in dem sich geschäftliche,
politische, ökonomische, ideologische Interessen bündeln, wobei die
transatlantischen Verbindungen besonders auffallen. Ohne dieses
Interessenbündel sind die Wirkungsabsichten und -strategien des von ihm
geleiteten Konzerns nicht zu erklären. Ähnliches ließe sich auch bei
Bertelsmann, Burda und anderen großen Medienhäuser darstellen, die den
deutschen Medienmarkt unter sich aufgeteilt haben.
Zugleich sind sie Teil einer auf Globalisierung ausgerichteten
Wirtschaft und teilen damit das wirtschaftliche und politische Interesse
an der Einebnung nationalstaatlicher Grenzen und Eigenheiten. Was von
ihren Medien als „rechts“ – ehedem die Bezeichnung für eine höchst
ehrenwerte Gesinnung – stigmatisiert wird, ist die Verteidigung von
Strukturen, die die Globalisierung hemmen: Familie, Region, Staat,
kulturelle Distinktion, Volkssouveränität.
Vor diesem Hintergrund wäre es zu einfach, das Mitläufertum von
Journalisten ausschließlich auf subjektives Versagen wie ideologische
Verblendungen zurückzuführen. Journalisten sind abhängige Lohnarbeiter,
die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Ihre Produkte, Wort- und
Bildbeiträge, sind Waren, die – in der marxistischen Terminologie –
einen Gebrauchs- und einen Tauschwert besitzen.
Der Gebrauchswert meint den individuellen oder gesellschaftlichen
Nutzen. In dem Fall besteht er nach den Worten Döpfners darin:
„Journalismus ist der Scheinwerfer der Aufklärung oder, eine Nummer
kleiner, zumindest die Taschenlampe des mündigen Bürgers“, dieses
„wahren Souveräns der Demokratie“. Noch pompöser ausgedrückt: Er ist
ihre vierte Säule!
Doch die Praxis sieht anders aus. In der sogenannten Flüchtlingskrise
hat sich der wahre Zustand des Staates, der Demokratie und der Medien
enthüllt: Die Merkel-Exekutive errichtete eine „Herrschaft des Unrechts“
(Horst Seehofer), die Legislative und die Judikative sahen tatenlos zu,
während die Medien jubelten. Ihr Gebrauchswert bestand in der
Irreführung, Manipulation und Einschüchterung.
Die Frage, warum die meisten sich vom Irrsinn korrumpieren lassen,
beantwortet sich mit dem Hinweis auf den Tauschwert. Er bezeichnet die
Gegenleistung, die Entlohnung, die man für sein Produkt erhält. Dieser
wird in komplexen Gesellschaften von den Zwischenhändlern – in diesem
Fall: von den monopolistischen Medienkonzernen – festgelegt.
Georg Lukács hat in seinem 1923 erschienenen Buch „Geschichte und
Klassenbewußtsein“ den Einfluß der Produktions- und Besitzverhältnisse
auf die Psyche des Arbeiters – also auch des Medienarbeiters – in
mustergültiger Weise dargelegt. Der Zwang des Gebrauchs- und Tauschwerts
schreibt sich „immer tiefer, immer schicksalhafter und konstitutiver in
das Bewußtsein“ ein, so daß die Arbeitskraft sich von der
Persönlichkeit abspaltet und die Individualität und der Eigensinn zu
Fehlerquellen werden, die ausgetrocknet werden müssen.
Der Arbeiter wird zum einflußlosen Zuschauer seiner Entfremdung. „Am
groteskesten zeigt sich diese Struktur im Journalismus, wo gerade die
Subjektivität selbst, das Wissen, die Ausdrucksfähigkeit zu einem
abstrakten“, von den Schreibern und „von dem materiell-konkreten Wesen
der behandelten Gegenstände“ losgelösten „Mechanismus“ verkommen.
„Die ‘Gesinnungslosigkeit’ der Journalisten, die Prostitution ihrer
Erlebnisse und Überzeugungen ist nur als Gipfelpunkt der
kapitalistischen Entfremdung begreifbar.“ Maximal möglich sind noch ein
Virtuosentum und ein Eskapismus, die an der Oberfläche kratzen –
gleichgültig, ob jemand in einem staatlichen oder privaten Medienkonzern
tätig ist. Die Totschweiger, Skandalisierer, Faktenfälscher – sie sind
auch objektiv Deformierte und verdienen als solche Nachsicht. Thorsten Hinz
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