Sonntag, 24. Dezember 2017
Freitag, 22. Dezember 2017
Morbus septemtrionalis
Wenn Weintrinken tatsächlich gesundheitsförderlich war, warf sich die Folgefrage auf, wieviel man trinken solle. Die folgende Diskussion habe ich nur quellenfrei in der Erinnerung; es stand sofort die Unterstellung im Raum, alle Studien seien von der Weinlobby gesponsert, obwohl die vorgeschlagenen Tagesdosen – allein dieses Wort! Man sollte mindestens von Rationen sprechen – nicht eben üppig waren: zwei Gläser für ihn, eines für sie (wie immer wurden die Frauen benachteiligt und Intersexuelle bzw. Transgender gar nicht erst berücksichtigt). Wenn ich mich recht entsinne, war es eine Studie aus der Weinnation Dänemark, welche die Relationen wieder geraderückte (eine Flasche pro Kopf und Tag). Die Amis, auch in ihren Narreteien immer sehr konsequent, haben auf ihre Weise reagiert und sogar Pillen entwickelt, mit denen man sich die positiven Wirkstoffe des Weins konzentriert und frei vom Zellgift Alkohol verabfolgen kann. Polyphenole, oligomere Proanthocyanidine und vor allem Resveratrol. Was für eine prosaische Vorstellung: Ich nehme einige aus einem in jahrtausendelanger Kulturtradition hergestellten, aber leider vergifteten Genussmittel extrahierte Substanzen zu mir, und schon fühle ich mich wie Gott in Frankreich. Wer so denkt, dem würde auch die Gleichung einleuchten, dass Michelangelos David zu 40 Prozent Kunst sei und zu 60 Prozent Marmor.
Das french paradox ist kein Phänomen der Ernährungsphysiologie, sondern der Lebensart und der Kultur. Es ist ein Gesamtkunstwerk. Die Leute sind nicht gesund, weil sie Resveratrol zu sich nehmen, sondern weil sie gut leben und sich nicht mit Überlegungen verrückt machen, ob sie eventuell etwas Falsches, Ungesundes und Schädliches tun, wenn sie ihr Dasein genießen. Der Schaden, den eine Politikerrede, eine Regietheateraufführung oder ein Vortrag über Nahrungsmittelunverträglichkeiten in Ihrer Seele anrichten kann, entsteht nicht, wenn Sie stattdessen ganze Weinkeller leertrinken. Sela, Psalmenende. Michael Klonovsky
Montag, 11. Dezember 2017
Unterm Strich
Man sieht einen zunehmend vor Verlegenheit unruhig werdenden Macron, während sein afrikanischer Gastgeber, der Präsident von Ghana, eine Rede über den Nutzen von Entwicklungshilfe hält.
Was der ghanaische Präsident ausführt, deckt sich mit dem, was Dambisa Moyo sagte: "In den vergangenen 50 Jahren sind über zwei Billionen Dollar an Hilfen
von den reichen an die armen Länder geflossen. Aber dieses Modell hat
nirgendwo auf der Welt wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Dabei
wissen wir, wie es geht. Wir haben gesehen, welche Konzepte die Armut in
China, Indien, Südafrika und Botsuana vermindert haben. Diese Länder
haben auf den Markt als Motor für Wirtschaftswachstum gesetzt. (...) Der
Handel mit China ist vielversprechender als Fair Trade mit Europa.
(...) Im Westen sehen viele die Chinesen als Kolonialisten, die Afrika
ausbeuten. Das ist nur Neid. Der auf Mitleid und Almosen basierte Ansatz
der westlichen Entwicklungshilfe ist gescheitert. Das chinesische
Modell hat in Afrika innerhalb von fünf bis zehn Jahren mehr
Arbeitsplätze und Infrastruktur geschaffen als der Westen in 60 Jahren."
Also
sprach die afrikanische Autorin, promovierte Ökonomin, Harvard- und
Oxford-Studentin, Weltbank- und Goldman Sachs-Mitarbeiterin Dambisa Moyo
2009 im FAZ-Interview (hier).
Sonntag, 3. Dezember 2017
Optische Enttäuschung
Wissen Sie übrigens, was "wohlwollender Sexismus" ist? Bei der Zeit erfährt man’s: "Ich bekam zum Beispiel schon oft zu hören, dass Frauen doch so viel diplomatischer als Männer seien. Oder dass bei Umräumarbeiten im Büro ausschließlich Männer gebeten werden, Tische zu verrücken." Hier ist gut zusammengefasst, dass direkt nach der Biologie die Manieren für den Sexismus verantwortlich sind; deswegen ist es dem eigenen Vorankommen z.B. an der Universität förderlich, keine zu haben (und deswegen gibt es wahrscheinlich auch kaum Sexismus unter minderjährigen unbegleiteten "Flüchtlingen" jedweden Alters).
Wer jetzt nach einer exakten Definition von Sexismus verlangt, ist wahrscheinlich männlich, will Frauen mit seinem Herrschaftsanspruch auf vermeintlich logische Argumentation demütigen und die Dunkelziffer leugnen. Aber wir haben ja die Fachpresse und das Fachpersonal für solche Fragen! Im Zeit-Interview gibt die Sozialpsychologin Charlotte Diehl – ausweislich ihres beigefügten Konterfeis übrigens eine aparte Person, was im neuen Gewerbe der Belästigungs-Detektorinnen ja eher ungewöhnlich und deshalb aus sexistischer Sicht festhaltenswert ist – Auskunft: "Sexismus heißt, Sie reduzieren eine Person auf ihr Geschlecht". Was ich nie getan habe oder tun würde, ich habe z.B. beim Mauseln, auch wenn es hektisch wurde, stets gedacht: Vergiss nicht, sie ist Lehrerin, Journalistin, Theologin, IT-Spezialistin, Grafikerin, Musikerin, Köchin, Ehefrau, die ist sogar promoviert (kaum zu glauben bei diesem Anblick!). Trotzdem will ich, sozialpsychologisch unterstützt, die These wagen, die ich einst keck Alice Schwarzer entgegenschleuderte: Sex ist sexistisch! Gerade wenn er gut wird! Ohne Sexismus stürbe die Menschheit aus. Aber womöglich bin ich zu pingelig.
Unsere Sozialpsychologin hat übrigens auch promoviert, nämlich an der Universität Bielefeld zum Thema, na was schon?, sexuelle Belästigung. Momentan arbeitet sie an einem Handbuch "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz", das sich "speziell an Personalverantwortliche" richtet. Lauschen wir ihr also, denn sie verkündet die Zukunft:
"Laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz handelt es sich bei jedem unerwünschten sexuellen Verhalten, das die Würde einer Person verletzt, um sexuelle Belästigung. Das können Berührungen und Blicke sein, aber auch Worte."
Blicke? Blicke! Die Kollegin trägt ihre Brüste auffällig zur Schau, der Mann muss hinschauen – erwischt! Abmahnung! Oder sie zeigt gar nichts zum Hingucken, und er schaut auch nirgendwo hin. Betriebsfriedensziel erreicht. Wenn er Pech hat, behauptet sie trotzdem: "Kollege K. hat mir auf die Brust geschaut!" "Aber Frau Prantl-Eckardt, Sie haben doch gar keine!" Zack, der Chef ist auch mit dran!
"Sexismus entsteht oft, weil Männer Angst haben, ihre Aufstiegschancen mit Frauen teilen zu müssen. Und er ist ein Werkzeug, mit dem sie ihre Macht sichern können – weil sie ihr Gegenüber auf diese Weise einschüchtern. Es kann aber auch vorkommen, dass dem Kollegen tatsächlich nicht bewusst ist, dass sein Spruch gerade nicht in Ordnung war. Sexistische Verhaltensmuster sind oft auch unbewusst."
Frauen können inzwischen Macht erlangen mit der Unterstellung, Männer versuchten, ihre Macht mit sexistischem Verhalten zu sichern. Ich will hier keineswegs all den Tölpeln und plumpen Heinis ein Fest machen, die nicht wissen, wie sie eine Frau anzusprechen haben. Ich habe einige davon kennenlernen müssen, in den verschiedensten sozialen Milieus übrigens, und wahrscheinlich war ich dann und wann selber einer. Aber ich habe nie erlebt, dass die Frauen sich nicht dagegen zu wehren wussten, und in der Regel steht der Kerl dann als der Trottel da, der er offenbar ist. Es ist ja keineswegs so, dass sich "die Männer" gegen "die Frauen" zusammenschließen, auch in der Werkstatt nicht, sondern sie konkurrieren um deren Gunst. Mit einem treffenden Satz Martin van Crevelds: "Für jeden Mann, der jemals eine Frau unterdrückt hat, steht ein anderer bereit, sie zu befreien." Was wir gerade erleben, ist tatsächlich ein Machtkampf, einige engagierte Schwestern haben eine ideale Möglichkeit entdeckt, an die Jobs der Männer zu kommen, nämlich die Denunziation. Dieser Weg ist insofern ideal, als die Vorwürfe ja auch gelegentlich stimmen – die Kriterien für sexuelle Belästigung ("Worte", "Blicke") sind in den vergangenen Jahren dermaßen geändert worden, dass ich nicht "oft" schreiben mag; es ist wie das immer stärkere Absenken von Grenzwerten bei angeblichen oder tatsächlichen Umweltgiften. Wer nach oben will, musste zu allen Zeiten einiges aushalten, aber auch hier wollen einige mittelhochbegabte Mädels künftig den roten Teppich ausgerollt bekommen. Ich wünsche viel Glück.
Merke: Wer einer Frau ein Kompliment macht oder ihr auch nur an der Tür den Vortritt lässt, reduziert sie auf ihr Geschlecht und ist also ein Sexist. Frauen sind dazu geschaffen worden, vom Mast der "Gorch Fock" zu fallen.
