Freitag, 22. Dezember 2017

Morbus septemtrionalis

Zu den existentiellen Grundsatzfragen gehört die, welcher Wein an Heilig Abend auf den Tisch kommt. Strenggenommen stellt sich diese Frage an jedem Tag, den Gott werden lässt, aber manche Tage verlangen gebieterischer nach einem Zeichen als andere. Heiligen wir sie alle! Ich habe mich ziemlich konventionell für einen Bordeaux entschieden. Einen Roten selbstredend. Er enthält nämlich, völlig unabhängig davon, was Winzer und Kellermeister sonst mit ihm anstellten, Resveratrol, Polyphenole und oligomere Proanthocyanidine. Vor allem das Resveratrol soll für das sogenannte french paradox verantwortlich sein, die positive Wirkung von Rotwein auf den menschlichen Organismus. Der Terminus french paradox machte in den Neunzigern die Runde, er spielte auf das aus amerikanischer Westküstenperspektive groteske, geradezu ungerechte Verhältnis zwischen den französischen Ess- und Trinkgewohnheiten sowie dem Gesundheitszustand und der Lebenserwartung der Bewohner von Gottes anderem Land an. Wie konnte es sein, fragte man sich bestürzt, dass besonders die Südfranzosen viel fetter essen, viel mehr saufen und viel weniger Sport treiben als die Amerikaner und trotzdem älter werden und weniger Herzerkrankungen bekommen? Die verblüffende Antwort lautete schließlich: Es liegt am Rotwein. Nicht trotzdem, sondern wegen. In einigen Regionen dieses Planeten, besonders dort, wo man mehrmals täglich vorm Spiegel überprüft, ob die Bauchmuskulatur hinreichend "definiert" ist, abends "nur noch ein paar Peptide" zu sich nimmt und Wasser zur Trennkost trinkt, brach eine Welt zusammen. Das ganze Konzept des gesund Sterbens geriet ins Wanken.

Wenn Weintrinken tatsächlich gesundheitsförderlich war, warf sich die Folgefrage auf, wieviel man trinken solle. Die folgende Diskussion habe ich nur quellenfrei in der Erinnerung; es stand sofort die Unterstellung im Raum, alle Studien seien von der Weinlobby gesponsert, obwohl die vorgeschlagenen Tagesdosen – allein dieses Wort! Man sollte mindestens von Rationen sprechen – nicht eben üppig waren: zwei Gläser für ihn, eines für sie (wie immer wurden die Frauen benachteiligt und Intersexuelle bzw. Transgender gar nicht erst berücksichtigt). Wenn ich mich recht entsinne, war es eine Studie aus der Weinnation Dänemark, welche die Relationen wieder geraderückte (eine Flasche pro Kopf und Tag). Die Amis, auch in ihren Narreteien immer sehr konsequent, haben auf ihre Weise reagiert und sogar Pillen entwickelt, mit denen man sich die positiven Wirkstoffe des Weins konzentriert und frei vom Zellgift Alkohol verabfolgen kann. Polyphenole, oligomere Proanthocyanidine und vor allem Resveratrol. Was für eine prosaische Vorstellung: Ich nehme einige aus einem in jahrtausendelanger Kulturtradition hergestellten, aber leider vergifteten Genussmittel extrahierte Substanzen zu mir, und schon fühle ich mich wie Gott in Frankreich. Wer so denkt, dem würde auch die Gleichung einleuchten, dass Michelangelos David zu 40 Prozent Kunst sei und zu 60 Prozent Marmor.

Das french paradox ist kein Phänomen der Ernährungsphysiologie, sondern der Lebensart und der Kultur. Es ist ein Gesamtkunstwerk. Die Leute sind nicht gesund, weil sie Resveratrol zu sich nehmen, sondern weil sie gut leben und sich nicht mit Überlegungen verrückt machen, ob sie eventuell etwas Falsches, Ungesundes und Schädliches tun, wenn sie ihr Dasein genießen. Der Schaden, den eine Politikerrede, eine Regietheateraufführung oder ein Vortrag über Nahrungsmittelunverträglichkeiten in Ihrer Seele anrichten kann, entsteht nicht, wenn Sie stattdessen ganze Weinkeller leertrinken. Sela, Psalmenende.  Michael Klonovsky

Montag, 11. Dezember 2017

Unterm Strich

 Man sieht einen zunehmend vor Verlegenheit unruhig werdenden Macron, während sein afrikanischer Gastgeber, der Präsident von Ghana, eine Rede über den Nutzen von Entwicklungshilfe hält.

Was der ghanaische Präsident ausführt, deckt sich mit dem, was Dambisa Moyo sagte: "In den vergangenen 50 Jahren sind über zwei Billionen Dollar an Hilfen von den reichen an die armen Länder geflossen. Aber dieses Modell hat nirgendwo auf der Welt wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Dabei wissen wir, wie es geht. Wir haben gesehen, welche Konzepte die Armut in China, Indien, Südafrika und Botsuana vermindert haben. Diese Länder haben auf den Markt als Motor für Wirtschaftswachstum gesetzt. (...) Der Handel mit China ist vielversprechender als Fair Trade mit Europa. (...) Im Westen sehen viele die Chinesen als Kolonialisten, die Afrika ausbeuten. Das ist nur Neid. Der auf Mitleid und Almosen basierte Ansatz der westlichen Entwicklungshilfe ist gescheitert. Das chinesische Modell hat in Afrika innerhalb von fünf bis zehn Jahren mehr Arbeitsplätze und Infrastruktur geschaffen als der Westen in 60 Jahren."
Also sprach die afrikanische Autorin, promovierte Ökonomin, Harvard- und Oxford-Studentin, Weltbank- und Goldman Sachs-Mitarbeiterin Dambisa Moyo 2009 im FAZ-Interview (hier).

Sonntag, 3. Dezember 2017

Optische Enttäuschung

Kaum ein Tag vergeht, an welchem wir nicht in der Wahrheits- und Qualitätspresse mit neuen Ungeheuerlichkeiten über den Sexismus weißer Männer konfrontiert werden. Unter einem mit der Überschrift "Salma Hayek über Harvey Weinstein: 'Er war mein Monster'" betitelten Artikel – die Schauspielerin ist dort in einer dezidiert antisexistischen Pose abgebildet – hat Spiegel online diesen reizenden Pranger eingerichtet, wo sich der Leser durch die Belästigungs-Delinquenten aus dem überseeischen Showbiz und der amerikanischen Politik klicken kann, beginnend mit dem Schauspieler Ben Affleck, der vor 14 Jahren einer MTV-Moderatorin an die Brust gefasst und sich dafür entschuldigt hat – "Konsequenzen: keine bekannt" (Sex-Verbrechen verjähren nie!). Die Rubrik "Konsequenzen" ist hochinteressant, denn was viele Vorfälle eint, ist die Tatsache, dass sie welche hatten; in der Regel verlor der Beschuldigte seinen Job, und zwar ohne Beweisaufnahme oder Gerichtsurteil, nur aufgrund von Vorwürfen. Für die Zukunft weiblicher Karrieren ist das eine gute Nachricht. Job nicht bekommen? Ich bin belästigt worden! Rolle bekommen? Ja, aber erst nachdem ich belästigt worden bin! Kennen Sie den Witz, wo einer Blondine am Bankschalter mitgeteilt wird, dass ihre Kreditkarte nicht gedeckt sei? "Hilfe, ich bin vergewaltigt worden!" Sogar den alten George W. Bush haben sie dort gelistet, der heute 93jährige soll irgendwann, wahrscheinlich gab es damals die Sowjetunion noch, Frauen begrapscht haben. Also beim Führer gab es so etwas nicht!

Wissen Sie übrigens, was "wohlwollender Sexismus" ist? Bei der Zeit erfährt man’s: "Ich bekam zum Beispiel schon oft zu hören, dass Frauen doch so viel diplomatischer als Männer seien. Oder dass bei Umräumarbeiten im Büro ausschließlich Männer gebeten werden, Tische zu verrücken." Hier ist gut zusammengefasst, dass direkt nach der Biologie die Manieren für den Sexismus verantwortlich sind; deswegen ist es dem eigenen Vorankommen z.B. an der Universität förderlich, keine zu haben (und deswegen gibt es wahrscheinlich auch kaum Sexismus unter minderjährigen unbegleiteten "Flüchtlingen" jedweden Alters).

Wer jetzt nach einer exakten Definition von Sexismus verlangt, ist wahrscheinlich männlich, will Frauen mit seinem Herrschaftsanspruch auf vermeintlich logische Argumentation demütigen und die Dunkelziffer leugnen. Aber wir haben ja die Fachpresse und das Fachpersonal für solche Fragen! Im Zeit-Interview gibt die Sozialpsychologin Charlotte Diehl – ausweislich ihres beigefügten Konterfeis übrigens eine aparte Person, was im neuen Gewerbe der Belästigungs-Detektorinnen ja eher ungewöhnlich und deshalb aus sexistischer Sicht festhaltenswert ist – Auskunft: "Sexismus heißt, Sie reduzieren eine Person auf ihr Geschlecht". Was ich nie getan habe oder tun würde, ich habe z.B. beim Mauseln, auch wenn es hektisch wurde, stets gedacht: Vergiss nicht, sie ist Lehrerin, Journalistin, Theologin, IT-Spezialistin, Grafikerin, Musikerin, Köchin, Ehefrau, die ist sogar promoviert (kaum zu glauben bei diesem Anblick!). Trotzdem will ich, sozialpsychologisch unterstützt, die These wagen, die ich einst keck Alice Schwarzer entgegenschleuderte: Sex ist sexistisch! Gerade wenn er gut wird! Ohne Sexismus stürbe die Menschheit aus. Aber womöglich bin ich zu pingelig. 

Unsere Sozialpsychologin hat übrigens auch promoviert, nämlich an der Universität Bielefeld zum Thema, na was schon?, sexuelle Belästigung. Momentan arbeitet sie an einem Handbuch "Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz", das sich "speziell an Personalverantwortliche" richtet. Lauschen wir ihr also, denn sie verkündet die Zukunft: 

"Laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz handelt es sich bei jedem unerwünschten sexuellen Verhalten, das die Würde einer Person verletzt, um sexuelle Belästigung. Das können Berührungen und Blicke sein, aber auch Worte."

Blicke? Blicke! Die Kollegin trägt ihre Brüste auffällig zur Schau, der Mann muss hinschauen – erwischt! Abmahnung! Oder sie zeigt gar nichts zum Hingucken, und er schaut auch nirgendwo hin. Betriebsfriedensziel erreicht. Wenn er Pech hat, behauptet sie trotzdem: "Kollege K. hat mir auf die Brust geschaut!" "Aber Frau Prantl-Eckardt, Sie haben doch gar keine!" Zack, der Chef ist auch mit dran!

"Sexismus entsteht oft, weil Männer Angst haben, ihre Aufstiegschancen mit Frauen teilen zu müssen. Und er ist ein Werkzeug, mit dem sie ihre Macht sichern können – weil sie ihr Gegenüber auf diese Weise einschüchtern. Es kann aber auch vorkommen, dass dem Kollegen tatsächlich nicht bewusst ist, dass sein Spruch gerade nicht in Ordnung war. Sexistische Verhaltensmuster sind oft auch unbewusst."

Frauen können inzwischen Macht erlangen mit der Unterstellung, Männer versuchten, ihre Macht mit sexistischem Verhalten zu sichern. Ich will hier keineswegs all den Tölpeln und plumpen Heinis ein Fest machen, die nicht wissen, wie sie eine Frau anzusprechen haben. Ich habe einige davon kennenlernen müssen, in den verschiedensten sozialen Milieus übrigens, und wahrscheinlich war ich dann und wann selber einer. Aber ich habe nie erlebt, dass die Frauen sich nicht dagegen zu wehren wussten, und in der Regel steht der Kerl dann als der Trottel da, der er offenbar ist. Es ist ja keineswegs so, dass sich "die Männer" gegen "die Frauen" zusammenschließen, auch in der Werkstatt nicht, sondern sie konkurrieren um deren Gunst. Mit einem treffenden Satz Martin van Crevelds: "Für jeden Mann, der jemals eine Frau unterdrückt hat, steht ein anderer bereit, sie zu befreien." Was wir gerade erleben, ist tatsächlich ein Machtkampf, einige engagierte Schwestern haben eine ideale Möglichkeit entdeckt, an die Jobs der Männer zu kommen, nämlich die Denunziation. Dieser Weg ist insofern ideal, als die Vorwürfe ja auch gelegentlich stimmen – die Kriterien für sexuelle Belästigung ("Worte", "Blicke") sind in den vergangenen Jahren dermaßen geändert worden, dass ich nicht "oft" schreiben mag; es ist wie das immer stärkere Absenken von Grenzwerten bei angeblichen oder tatsächlichen Umweltgiften. Wer nach oben will, musste zu allen Zeiten einiges aushalten, aber auch hier wollen einige mittelhochbegabte Mädels künftig den roten Teppich ausgerollt bekommen. Ich wünsche viel Glück. 

Merke: Wer einer Frau ein Kompliment macht oder ihr auch nur an der Tür den Vortritt lässt, reduziert sie auf ihr Geschlecht und ist also ein Sexist. Frauen sind dazu geschaffen worden, vom Mast der "Gorch Fock" zu fallen.