In letzter Zeit musste ich öfter an die überaus erfolgreiche Filmkomödie „Good Bye Lenin“
von 2003 (allein in Deutschland mehr als sechs Millionen Kinobesucher)
denken. Sie handelt von einer linientreuen DDR-Mutter, die kurz vor der
Wende 1989 ins Koma fällt und die deutsche Wiedervereinigung verschläft.
Als sie viele Monate später wieder erwacht, setzen ihre Kinder alle
Hebel in Bewegung, um sie vor den dramatischen Veränderungen, die sich
in Deutschland ereignet haben, zu verschonen und ihre labile Gesundheit
nicht zu gefährden. Ein lustiges Versteckspiel aus Lügen und
Halbwahrheiten beginnt, und der Film zieht seine Komik aus den vielen
„kapitalistischen“ Alltagsbegebenheiten, die nun so uminterpretiert
werden müssen, dass sie weiterhin ins Bild der untergegangenen
DDR-Ideologie passen.
Ich musste also öfter an „Good Bye Lenin“ denken, denn manchmal komme
ich mir genau so vor: irgendetwas Entscheidendes habe ich verschlafen!
Irgendetwas habe ich nicht mitbekommen, habe eine Entwicklung verpasst,
die zum Verstehen der gegenwärtigen Ereignisse jedoch Not täte.
Erst vor wenigen Tagen saß ich mit einem meiner besten Freunde
zusammen, den ich nur noch selten im Jahr sehe. Wir haben eine bewegte
Adoleszenz gemeinsam verbracht und zusammen das Abitur auf der Deutschen
Schule in Washington gemacht. Im Gegensatz zu mir hat er dann etwas
Ordentliches studiert und ist in die Wirtschaft gegangen. Inzwischen hat
er sein eigenes sehr erfolgreiches Unternehmen und gehört ganz sicher
zu den Privilegierten in unserem Land, was Reputation und monetäre
Ausstattung angeht.
Wir saßen also zusammen in einem dieser Hipster-Restaurants von
Berlin und unser Gespräch kam auch auf die Bundestagswahl. Er hatte die
CDU gewählt, weil er Angela Merkel als eine ehrenwerte Person ansieht
und - wörtlich - „Mitleid und Barmherzigkeit“ in der deutschen Politik
für wichtig hält. Ich fand die Begründung sehr interessant. Als
erfolgreicher Unternehmer weiß er natürlich, dass Mitleid und
Barmherzigkeit weder politische noch wirtschaftliche Kategorien sind.
Würde ein Beratungsunternehmen seiner Firma „Mitleid und Barmherzigkeit“
als Unternehmensziel verordnen, er würde es eher heute als morgen
feuern. In der Politik sind „Mitleid und Barmherzigkeit“ jedoch
Wahlkriterien.
Nun ist mein Freund sehr gebildet, sehr international und sehr
weltoffen, und ich werde einen Teufel tun, seine Begründung lächerlich
zu finden. Ich nehme sie ernst und erkenne in ihr ein Bedürfnis nach
religiöser Legitimation von Politik, wie sie in unserem Land inzwischen
wieder weit verbreitet ist. Natürlich geht mein Freund Sonntags nie in
die Kirche. Er hat sein Bedürfnis nach Mitleid und Barmherzigkeit an die
Politik outgesourced, was ganz sicher ein Zeichen säkularisierter
Gesellschaften ist. Alle Lebensbereiche werden von kleinlichen
Interessen bestimmt, da soll sich Politik um das interesselose Große,
Schöne und Wahre kümmern.
Was wir Deutschen inzwischen als humanitären Imperativ zur
Staatsräson erhoben haben, hat Frau Merkel von den Linken abgekupfert.
Denn die Linken, die waren schon immer die Guten mit dem großen Herz,
und endlich dürfen die Konservativen ihren kalten Hauch des
Unmenschlichen hinter sich lassen. Ist doch so?
Die Wahrheit ist, dass auch die Linken ihr großes Herz für
Flüchtlinge erst vor kurzem entdeckt haben. Bei der Partei DIE LINKE
dürfte das noch am offenkundigsten sein, hat doch ihre
Vorgängerorganisation, als sie noch die staatlichen Mittel in der Hand
hatte, dafür gesorgt, dass Flüchtlingen regelmäßig beim Verlassen der
DDR in den Rücken geschossen wurde. Aber wie steht es mit der SPD und
den GRÜNEN, die sich seit 2015 im Wettlauf um die schönste
Flüchtlings-Poesie befinden? Ihr Herz für Flüchtlinge haben auch sie
erst entdeckt, als die Flüchtlinge nicht mehr Deutsche waren, sondern
aus den entferntesten Regionen der Erde kamen.
So schreibt DER SPIEGEL vom 18.9.1989 - also in Zeiten, als
SPIEGEL-Journalisten noch weitgehend ohne Scheuklappen und Sprachverbote
schreiben konnten - unter der Überschrift „Das Faß läuft über“: Der
Flüchtlingszuzug aus der DDR verschärft die Wohnungsnot, Experten
warnen vor einer „Katastrophe“ und orten einen „Nährboden für Radikale“.
Damals übrigens weigerten sich die progressiven Kräfte in
Westdeutschland, Bürger aus der DDR, die nach Westdeutschland geflohen
waren, als Flüchtlinge zu bezeichnen (auch von Geflüchteten und
Schutzsuchenden war man noch weit entfernt). Übersiedler oder
„Rübergemachte“ wurden sie genannt, und da schwang schon eine gute
Portion progressive Verachtung mit.
Einige Wochen später, am 23. Oktober 1989, heißt es dann im SPIEGEL: Die
Ressentiments gegen Übersiedler erhalten beinahe täglich Nahrung durch
neue Reizbilder in den Medien. Wenn die Ankömmlinge im Westfernsehen
aufgekratzt Deutschland-Fähnchen schwenken, ihre DDR-Kennzeichen am
Wartburg bis aufs bloße „D“ durchstreichen und die neuerworbenen
Bundespässe voller Nationalstolz in die Kamera halten, graust es vielen
Grünen, die sich auf ihre internationalistische Gesinnung viel zugute
halten. „Die Zonis küssen ja den BRD-Boden wie der Papst“, beobachtete
entgeistert ein Mitglied der Hamburger Grün-Alternativen Liste
Und DER SPIEGEL schreibt weiter: Schwierigkeiten im Umgang mit
den SED-Flüchtlingen haben westdeutsche Linke auch deshalb, weil der
Massenansturm Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot weiter verschärft.
Heimische Zukurzgekommene fühlen sich durch die Neubürger zusätzlich
benachteiligt.
Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Hermann Heinemann
(SPD) sah sich letzte Woche genötigt, vor einer „Verhätschelung“ der
DDR-Übersiedler zu warnen: Hiesige Arbeitslose müßten „mit Bitterkeit“
registrieren, daß den Zuwanderern Arbeitsplätze „auf dem goldenen
Tablett“ serviert würden.
Vielen Gewerkschaftern sind die DDR-Übersiedler zudem als Streber
mißliebig, die im Verdacht stehen, jede Arbeit anzunehmen, zu fast
jedem Preis. In Berliner Szene-Kneipen wird schon über die „neuen
Arschkriecher“ gewettert, in Hamburg besprühten Unbekannte Hauswände mit
der Parole: „Kritische Mitbürger aus der DDR willkommen, Anpasser und
Lohndrücker Nein Danke“. Daß nach einer Umfrage über 60 Prozent der
Zuwanderer CDU wählen würden, paßt vielen Linken ins Bild.
In West-Berlin, wo das Gerangel um Arbeitsplätze und Wohnungen
besonders heftig ist, haben grüne Politiker bereits eine
Zuzugsbegrenzung für DDR-Übersiedler ins Gespräch gebracht. (…)
Einzelnen SPD-Politikern kommt die Massenflucht mittlerweile
ebenfalls ungelegen. Mit Hinweis darauf, daß die DDR nicht ausbluten
dürfe, forderte der West-Berliner Abgeordnete Ehrhart Körting, die
Übersiedlung per Gesetz zu erschweren, etwa durch eine Abschaffung der
Rentenberechtigung. Wer die DDR verändern wolle, müsse sicherstellen,
argumentiert Körting, daß die kritischen Bürger auch dortblieben.
Der humanitäre Imperativ und die Einforderung von Mitleid und
Barmherzigkeit sind auch bei den Linken eher Erscheinungsformen neueren
Datums. Sahen sie die deutschen Flüchtlinge Ende der 80er Jahre noch als
Bedrohung an und ähnelten in der Argumentation durchaus denjenigen, die
sie heute als Wutbürger beschimpfen, so können die Linken inzwischen
die Arme nicht weit genug für alle Menschen fremder Provenienz
aufreißen, um Willkommen zu schreien. Die Vorstellung, ein Martin Schulz
(„was die Flüchtlinge bringen, ist wertvoller als Gold“) oder eine
Katrin Göring-Eckardt („die Flüchtlinge machen unser Land besser“)
hätten sich mit gleicher Verve für DDR-Flüchtlinge ins Zeug gelegt, wie
sie es jetzt für die Hunderttausenden Iraker, Afghanen und Marokkaner
tun, ist zumindest eine lustige, wenn auch abwegige.
Und dann war es da wieder, dieses Gefühl wie aus „Good Bye Lenin“,
dass ich irgendetwas verschlafen habe: die Einführung der unbedingten
Flüchtlingsliebe und des humanitären Imperativs bei den Linken. Ich
hatte sie schlicht verpennt. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den
Augen: die Linken lieben gar nicht die Flüchtlinge, sie hassen sie
einfach ein bisschen weniger, als sie die Deutschen hassen.
Der humanitäre Imperativ wirkt daher so verlogen wie vorgeschoben, um
die Lust der heutigen Linken an der mutwilligen Zerstörung der
deutschen Gesellschaft zu kaschieren. Was wie gottgegebene Moral und
Barmherzigkeit aussieht, erscheint als die späte Rache der Linken für
die erlittene Schmach, die deutsche Einheit nicht aufgehalten haben zu
können. Derartige schlafende Rachegelüste sind weitaus wirkmächtiger als
Humanismus und Menschenliebe. Markus Vahlefeld
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