Aber da er sich unbekümmert ein Zitat von Dante so zurechtschustert, dass es ihm ins Konzept passt, sollte man auch seine anderen Zitate und Behauptungen immer überprüfen.
Die Stelle, auf die sich Kennedy, der erste katholische Präsident der USA, bezog und Krall bezieht, ist in Wahrheit nicht der finsterste, sondern sogar der hellste Ort der Hölle, ganz am Anfang nämlich, schon unter der Erde, aber noch diesseits des Acheron. Dort leiden die Lauen, die Unschlüssigen, die Agnostiker, die skeptischen Anarchen, denen auch Krall und andere sogenannte Libertäre oder Libertaristen oder Libertarianisten (die den Libertari(ani)smus gegen den Liberalismus abgrenzen, weil sie den Staat abschaffen wollen) nicht geheuer sind, weil in der Gestalt der Libertaristen der Utopismus, dieses verführerische Phantasieprodukt, das früher die Marxisten beseelte, von neuem zu einer Menschheitsplage wird, indem sie mit ihren hochfliegenden Versprechungen Hoffnungen wecken, die niemand erfüllen kann. Man kann die Stelle, die Krall am Ärmel auf seine Seite zerren möchte, im 3. Gesang der Hölle nachlesen. Diese Unentschlossenen - die nie gesündigt haben!! - sind dort zusammen mit den Engeln, die, als Luzifer und seine Gefolgschaft sich gegen Gott auflehnten, nicht wussten, ob sie auf Gottes Seite stehen sollten oder sich auf Luzifers schlagen sollten und daher unschlüssig "wegschauten".
Dante verurteilte als frommer Christ des Mittelalters diejenigen, die sich - aus seiner Sicht - nicht zwischen Gut und Böse entscheiden können. Aber das setzt voraus, dass immer klar ist, wer die Guten und wer die Bösen sind, und das ist eben nicht immer klar erkennbar (und auch zu Dantes Zeit war es nur für Gott erkennbar. Dante wusste zwar, dass er von Bonifatius VIII. ungrecht behandelt wurde, aber selbst er ist gegenüber seinem einstigen homosexuellen Lehrer ja sehr ehrerbietig, obwohl er ihn im 7. Kreis der Hölle antrifft, wo die büßen müssen, die Gott und der Natur Gewalt antaten, während er Guido Guinizelli auf dem Läuterungsberg dem Himmel entgegenstreben lässt... Auch Dante wusste also, dass Schwarz-weiß-Malerei abwegig ist). Die Stärke der Bhagavad Gita besteht darin, dass sie - anders als die biblische Literatur - nicht den Konflikt zwischen Gut und Böse behandelt, sondern den zwischen Gut und Gut! Zwischen Menschen, die beide für sich beanspruchen, die Guten zu sein, genau wie heute in Deutschland und den USA und sonst wo. Deswegen hat die Gleichgültigkeit eben doch eine eigene Würde! Und man sollte die Lauen (bei Dante "Ignavi") ehren. Und im "Wehret den Anfängen!" wohnt - so verständlich diese Aufforderung, die auf "Pflanzt eine Hecke um die Tora!" ganz am Anfang von Pirqe Avot fußt - deshalb auch die Wurzel von Übertreibung, Obsession und Fanatismus. Elie Wiesel bekämpfte sein Leben lang die Gleichgültigkeit, weil er die Würde der Gleichgültigen, Zögernden, Misstrauischen und Skrupelhaften übersah und die Gleichgültigen verachtete. Aber auch so wird man ungerecht, und nach seiner Ethik müsste man ja an jedem Proselytenstand, an dem irgendwas gerettet werden soll, eifrig seine Unterschrift hinterlassen, auch wenn man keine Zeit hat zu überprüfen, ob es Sinn hat, dies zu tun. Dass man allein aus Angst vor einem Shitstorm nicht riskieren will, eine Position zu vertreten, die einen des Weiteren um die Existenz bringen kann, konnte er sich offenbar nicht vorstellen. Man höre sich Martina Müller an.
In dem Film "The Confession" sagt Ben Kingsley in der Rolle von Harry Fertig: "Es ist nicht schwer, das Richtige zu tun. Es ist schwer zu wissen, was richtig ist und was falsch. Aber wenn man wirklich weiß, was richtig ist, ist es schwer, es nicht zu tun".
