Freitag, 27. März 2026

Arnold Hauser


Hauser müsste eigentlich Pflichtlektüre an den Gymnasien sein. Musterbeispiel für gut geschriebene, leicht lesbare, packende Prosa, die dennoch durch die Fußnoten Verzweigungen zu einem ungeheuren Wissensschatz bietet. Seine Sozialgeschichte der Kunst und Literatur schlägt vier Fliegen mit einer Klappe: 1. Überblick über die europäische Literatur (ganz ohne die drögen, lückenhaften und nichtssagenden Pflichtübungen des deutschen Studienplans), 2. damit verflochtener Überblick über die Geschichte der Bildenden Künste in Europa, 3. Einblick in die wissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen Grundbedingungen, die künstlerischen Entwicklungen vorausgehen, 4. Einblick in die Philosphie als Geistesgeschichte, die die Entwicklung der Kunst begleitet oder ihr vorausgeht. Das Ganze so spannend und klar geschrieben, dass man es wie einen Roman liest.

Hinzu kommt für den heutigen Leser, dass man sich heutzutage im Netz all das, was Hauser erwähnt hat, auf zahlreichen Farbaufnahmen ansehen kann.

Hausers Abhandlung hat nur zwei Schwächen. Zum einen, dass er die germanische (bzw. skythisch-sarmatische, von den Germanen aufgegriffene und adaptierte) Ornamentik an den Stabkirchen, die später in den keltischen Evangeliarien perfektioniert wurde, nicht auf symbolistische Bedeutungen hin untersucht. Die verschlungenen Bänder und Linien der Evangeliarien - die Hauser als "Nervenimpressionismus" bezeichnet - entstehen gleichzeitig mit einer naturalistischen Dichtkunst in einer Bauernkultur und sind in meinen Augen eine Art geistiges Myzel, eine Mischung aus sulcus exaratus und Wurzelwerk durch welche alles mit allem ineinander verschlungen und verbunden wird. Die Ornamentik der Anfangsbuchstaben in den Bilderhandschriften wirken auf mich wie Bindeglieder zwischen dem Gedankengeflecht und dem Labyrinth der Welt. Die ornamentale Hervorhebung der Anfangsbuchstaben hatte die Funktion, dem Leser bei der Orientierung auf der Suche nach bestimmten Textstellen zu helfen: der Beginn jeder logischen Sektion wurde mit solchen Anfangsbuchstaben gekennzeichnet (die oft in Bildform den Inhalt des Folgetextes zusammenfassten). In diesem Sinne sind auch die Schnörkel des Barock und die wundervollen Muster der "Gotik" (die eigentlich FrankoNormannik heißen müsste und insofern einen arabischen Akzent hat, als sie bereits 400 Jahre zuvor bei Afraganus anklingt, und auch die Araber griffen den Spitzbogen nur auf, denn es gab ihn schon bei den Sumerern) nicht einfach nur Ornamentik, sondern spielerische Sehnsucht nach dem Geflecht des Universums, nach kosmischem Internet, wie es auch in Ernst Jüngers herrlichem Buch "An der Zeitmauer" anklingt.


Vafþrúðnir? Urnes

Beim Betrachten dieser wunderschönen Verschlingungen muss ich an einen Text von Peter Hodina denken:

SOCKELCHAOS
Über Messiehaushalte und ähnliches
Das Chaos dort ist eine latente Ordnung, die vorerst noch in die andere Richtung driftet.
Allerdings ist zu beachten, dass in einem begrenzten Raum wie in einem unaufgeräumten Zimmer ziemlich bald einmal sich die Unordnung verlangsamt, man kann monate- und jahrelang so hausen, ohne dass die Unordnung noch nennenswert sich intensivierte.
Also es gibt etwa diese 14 Tage bis drei Wochen, in denen sich, wenn man grundsätzlich nicht aufräumt, das Chaos bildet, das SOCKELCHAOS, wie ich es nennen möchte, danach verlangsamt es sich.
Faszinierend ist immer der Kabelsalat, bei dem man sich wundert, wie schnell der entsteht und wie vertrackt sich der verwickelt. Vielleicht könnte man vom Modell des Kabelsalats her ein solch chaotisches Zimmer in der Theorie aufrollen.
Es handelt sich Gott sei Dank um meist schnurlose Elemente, die in einem nichtaufgeräumten Zimmer sich mit der Zeit durcheinandermischen. Manchmal, wenn man allzu lange mit Aufräumen zuwartet, in einer unwahrscheinlichen Weise. Man könnte dann sagen, eine solche Zimmer(nicht)bewirtschaftung ist bis zum erlebt totalen und in seiner Totalität auch wieder auf alles Einzelne sich erstreckenden Widersinn gediehen.
Wären all die durcheinandergeratenen Dinge allesamt mit Kabeln versehen, würde sich diese Unordnung als ein tatsächlich kaum mehr aufzulösender Kabelsalat herausstellen, als Gordischer Knoten, den nur mehr der radikale Schwerthieb der Totalentsorgung zu erledigen vermöchte, wonach dann die Grundreinigung erfolgen mag.
Heißt nicht Ordnungmachen die Dinge von ihren unsichtbaren Bändern, in die sie sich verstrickt haben, zunächst freizuschneiden?
Ist nicht ein Messie derjenige, der in diese imaginären Bänder sich selbstfesselnd verheddert?
Ein von den Dingen nicht Abgenabelter?
Er will das Fort ans Da ketten. So sind die kaum mehr findbaren Dinge fort, obwohl sie da sind.
Ist das Sockelchaos erst einmal entstanden, wird durch Herumsuchen weiteres Chaos angerichtet. Suchen im Chaos ist eine nur punktuelle Ordnungstat, die zusätzlich Unordnung macht, bis das gesuchte Ding gefunden ist. Ich gehe schon an das Chaos unter dem Gesichtspunkt der Ordnung heran, wenn ich in der begründeten Hoffnung suche, dass das Ding sich noch im Raum befinden müsse.
Doch entstehen bei diesem Suchprozess, sofern er hektisch erfolgt, zumeist Kollateralunordnungen. Ist er nicht hektisch, können Teilordnungsansätze die Suche lichtend erleichtern, sodass man hier von ORDNUNGSHAUFEN sprechen kann oder ORDNUNGSTÜRMEN, die aus dem sonstigen Überschwemmungsgebiet des Zimmerchaos herauszuragen beginnen.
Wird das Aufräumen aber mit dem endlichen Fund des Gesuchten belohnt und reicht das einem schon wieder, werden jene Ordnungstürme, indem sie früher oder später wieder einstürzen, zu neuen Hotspots der Durchmischung. Sie sind latente Tretminen weiterer Verunordentlichung.
Der HAUFEN ist überhaupt philosophisch interessant, da er sowohl Ausdruck einer Tendenz zur Unordnung als auch einer Tendenz zur Wiederherstellung einer Ordnung sein kann. Dem Kenner und Spurendeuter bleibt das nicht verborgen. Er erkennt den Haufen, der dem Wiederaufbau dient, der zumindest ein Ansatz zur gegenläufigen ektropischen Ordnungsbewegung ist. Bleibt allerdings ein solcher gutgemeint gewesener Haufen liegen oder der Stapel, der Turm stehen, erodiert er je länger desto mehr entropisch.
 
Ist also, um Hodinas Gedanken weiterzuführen, nicht sogar ein Messias derjenige, der sich in diese imaginären Bänder verheddert, ein Nichtabgenabelter, ein ins spirituelle Mycel Gebetteter, ein Echo der Verschlingungen, die wir von der Stabkirche in Urnes, Borgund und Heddal kennen, von Vafthrudnir, dem mächtigen Weber, von jedem Textus, vom sulcus exaratus und dem Wurzelwerk, dass ihn umfängt, und von den Initialen der keltischen Evangeliare, besonders dem von Lindisfarne?
 

Die Geschichte Irlands muss noch erforscht werden. Niemand weiß, wie es kam, dass diese Peripherie Europas viel früher christianisiert wurde als Deutschland (das von Nachfahren eben dieser Iren bekehrt wurde). Bertrand Russel vermutete, dass Irland seine Entwicklung gebildeten Galliern verdankt, die dort auf der Flucht vor Attila ins Exil gingen.


 

Später taucht diese Ornamentik wieder bei Leonardo Da Vinci mit sehr explizitem Symbolismus in der Sala delle Asse auf. Ob er wohl longobardische Flechtornamentik gesehen hatte?






Hier drei Beispiele angel-sächsischer Schmuckstücke aus dem Staffordshire Hoard.




 

Und nochmal Stabkirchen

 
Die zweite Schwäche betrifft Hausers offensichtliche Verlegenheit, in die ihn sein eigener Interpretationsschlüssel letztendlich bringt. Er hält die Anwendung seiner Deutungskriterien durch alle Epochen hin mit durchaus plausiblen Überlegungen durch, von der prähistorischen Höhlenmalerei bis zum Barock. Aber dort, wo diese Deutungsmuster sich entweder selber widerlegen würden oder die Französische Revolution und alles, was danach zur Demokratisierung Europas beitrug, in Frage stellen würde, endet seine Betrachtung: je nach Temperament des Lesers endet sie schlicht, einfach, kommentarlos, ratlos, verlegen, betroffen, betreten oder kaltschnäuzig, auf jeden Fall wortlos. Beim Barock ist jedenfalls Schluss. "Die Aufklärung hat den Himmel verdunkelt." sagte Heidegger. Hauser schrieb nicht über dieses Dunkel. Er beschrieb aus diesem Dunkel heraus rückblickend alles Vorherige, was Glanz hatte. Es hatte alles Glanz! Er rückte es nicht ins Licht, er betrachtete selbst im Dunkel sitzend, was noch Glanz besaß. Alles, was nach dem Barock entstand, passt nicht mehr zu Hausers dichotomischem Prinzip. Mozart ist der letzte Glanz, aber bereits Teil der Age of Enlightenment. Mit Beethoven beginnt die Ahnung der Katastrophe, mit Schönberg wird die Katastrophe, in der Hauser sich befand (und deren Gefangene wir immer noch sind) perfekt.
 
 Man kann nicht von Ornamentik und ineinander verschlungenen Linien sprechen, ohne den Orient zu erwähnen. Das gilt für die Teppiche, die schon die keltischen Mönche beeinflussten, wie die islamische Architektur, die in meinen Augen noch spiritueller ist als die gotischen Kirchen, zumindest in einigen Fällen, wie z.B. der Alhambra.

 

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