„Der CDU-Nachwuchs-Star Jens Spahn, die AfD und diverse Journalisten
hassen sie: die Gender Studies.“ Das meint jedenfalls Carolin Wiedemann
auf Spiegel Daily.
Nicht die Gender Studies selbst, sondern die Angriffe gegen sie seien
ideologisch motiviert, behauptet sie. Doch das Gegenteil ist der Fall.
Denn Gender Studies sind keine Wissenschaft im eigentlichen Sinne.
Wissenschaft stützt sich auf Empirie, also auf überprüfbare Fakten.
Die Gender Studies hingegen basieren auf der dogmatischen Prämisse, daß
unterschiedliche Verhaltensweisen von Mann und Frau rein auf das soziale
Geschlecht (englisch: gender) zurückzuführen seien. Dieser Grundsatz
„daß alle Phänomene – erscheinen sie uns auch noch so selbstverständlich
– kulturell bedingt sind“, ist so unverhandelbar für Genderinnen und
Genderer, wie er falsch ist. Da dieser Grundsatz der Gender Studies
nicht hinterfragt werden darf, hat man es eher mit einem pseudoreligiösen, dogmatischen Aberglauben als
einer Wissenschaft zu tun.
Viele Charaktereigenschaften von Männern und Frauen sind auf das
biologische Geschlecht (engl. sex) zurückzuführen. Aber Biologen besitzen nicht die Arroganz zu behaupten, daß alle Charakterunterschiede
zwischen den Geschlechtern rein auf die Natur zurückzuführen seien und
das soziale Geschlecht keinerlei Rolle spiele.
Stolz betont Wiedemann, die Gender Studies seien emanzipatorisch –
also dem gesellschaftlichen Fortschritt verpflichtet – und belegt damit
doch wieder nur deren pseudowissenschaftlichen Charakter.
Denn
Wissenschaft als solche ist nicht der Emanzipation oder sonst einem
gesellschaftlichen Willen verpflichtet – sondern einzig und allein der
Wahrheit. Insofern muß sie ergebnisoffen sein, darf also das Resultat
einer Untersuchung nicht im Vorfeld festlegen.
Verpflichtet die Wissenschaft sich dem gesellschaftlichen Willen,
verkommt sie zu bloßem Aktivismus – zu schnöder, kurzfristiger Politik.
Wiedemanns Behauptung, der Vorwurf aus konservativen Kreisen, daß
„Gender Studies die Natur ignorieren würden“, sei „Unsinn“, ist
unhaltbar.
Natürlich erkennen die Gender Studies, daß es biologische
Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt. Daß es aber biologisch bedingte
Unterschiede in den Verhaltensweisen der Geschlechter gibt, wird
von den Gender-Gelehrten vehement bestritten. Sie treten aber zuhauf auf. So verfolgen Männer und Frauen
unterschiedliche Strategien in der Partnerwahl als auch in der
Eifersucht.
Männer zeigen ein höheres Aggressionspotential, höhere
Risikobereitschaft, stärkeres Konkurrenzverhalten und Streben nach hohem
sozialen Status. Männer widmen sich lieber Gegenständen, Frauen eher
anderen Personen. In Intelligenztest schneiden Männer besser im
räumlichen, Frauen besser im verbalen Aufgabenteil ab. Zudem ist
Intelligenz bei Männern weiter gestreut: Es gibt unter ihnen mehr
Genies, aber auch mehr geistig Behinderte.
Warum also nimmt die Wissenschaft biologische Ursachen an, wenn
derartige Differenzen doch auch durch soziale Faktoren bedingt sein
können? Die genannten Unterschiede decken sich zum Teil mit den
Vorhersagen der Evolutionstheorie, was genetische Ursachen nahelegt.
Manche der genannten Unterschiede zeigen sich schon bei Neugeborenen,
die noch keine Sozialisation erfahren haben.
Männliche Babies richten den Blick länger auf Spielzeug, weibliche
länger auf Gesichter. Wieder andere Unterschiede sind in allen Kulturen
weltweit gleich, manche Unterschiede verstärken sich sogar in
Gesellschaften mit höherer Geschlechtergleichheit. Zu guter Letzt
korrelieren einige Differenzen mit dem gemessenen Hormonspiegel
(Östrogen/Testosteron) im Blut und lassen sich auch durch gezielte
Hormongabe beeinflussen.
Auch wiederholt Wiedemann das Argument, weil Männer „strukturell
bevorzugt werden“, hätten „Frauen weniger Chancen“, was den Pay Gap, die
Ungleiche Bezahlung, zum Teil erklären könne. Die gerne herangezogenen
Studien nach denen in Deutschland Frauen etwa 22 Prozent weniger Geld
verdienen als Männer, helfen dabei nicht weiter. Denn Ursache hierfür
ist hauptsächlich die unterschiedliche Berufswahl – Männer zieht es in
die besser bezahlten Berufe. Berücksichtigt man diese Präferenzen,
schrumpft die Bezahlungslücke – je nach Studie auf drei bis acht
Prozent.
Die Beziehungen zwischen Mann und Frau sind ein komplexes und
interessantes Thema. Und gerade deswegen braucht es eine Genderwissenschaft, die diese Bezeichnung auch
verdient. Entgegengesetzte Auffassungen sind keine Hetze, sondern Kritik
– und damit das Wesen der Wissenschaft. Ohne ständiges Hinterfragen und
Überprüfen gibt es keinen Erkenntnisgewinn. Kritik muß man ernst
nehmen, Hetze hingegen bekämpfen. Wiedemann zeigt – ungewollt – daß in
den Gender Studies eine lebhafte Kontroverse keinesfalls erwünscht ist. Lukas Mihr
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